Am 2S. Juli 1945, einem Sonnabend, saßen drei amerikanische Generäle auf den Zuschauerbänken eines Berchtesgadener Sportplatzes, wo die Leichtathleten des II. Corps und der 101. Luftlande-Division einen Wettkampf austrugen: General Marshall, General Patton und General Taylor. Marshall hatte als Oberkommandierender aller US-Streitkräfte eben an der Potsdamer Konferenz teilgenommen. In einer Pause wandte er sich, an seine beiden Untergebenen: "Gentlemen, ich habe Ihnen etwas von höchster Bedeutung zu sagen." Und dann enthüllte er Patton und Taylor das schreckliche Geheimnis der Atombombe. "Gentlemen, in der ersten Mondnacht im August werden wir eine dieser Bomben über Japan abwerfen..."

Maxwell D. Taylor, ein brillanter Offizier mit militärischer Phantasie, dachte in jenem Augenblick nicht nur an die Wirkung der Wunderwaffe auf den Krieg im Pazifik. Er dachte weiter: Jetzt besitzen wir eine Waffe, die den Frieden für immer bewahren kann; nie wieder wird ein Hitler oder ein Mussolini es wagen, der freien Welt seinen Willen aufzuzwingen ... Fortan würde die Anwendung dieser Massenvernichtungswaffe oder auch nur die Drohung, sie einzusetzen, genügen, um die Sicherheit der Vereinigten Staaten und ihrer Freunde zu verbürgen!

Vierzehn Jahre später bekannte General Taylor, daß seine Gedanken von damals auf einem Trugschluß beruhten. Inzwischen hatte er voller Verbitterung seinen Waffenrock ausgezogen, weil seine Stabskameraden und weil vor allen Dingen Präsident Eisenhower noch immer der Ansicht huldigten, das Arsenal der Bomben vermöge allein den Frieden zu sichern. Taylor, streitbar, messerscharf argumentierend und ungemein gewandt mit der Feder, schrieb ein Buch. Als dessen ausdrücklichen Zweck bezeichnete er es, den Trugschluß vom ewigen Frieden durch die große Bombe aller Welt deutlich zu machen.

Das Buch war eine einzige Anklage gegen Eisenhower und seine Verteidigungspolitik. The Uncertain Trumpet hieß der Titel, und dieser schon ziehe stracks auf den Präsidenten. Taylor hatte dieses Motto in der Bibel gefunden, in den Korintherbriefen (I, 18:8.): "Und sp die Posaune einen undeutlichen Ton gibt, wer wird sich zum Streit rüsten?" Mit hellem publizistischem Fanfarenstoß versuchte der retirierte General die undeutliche Präsidenten-Posaune zu übertönen und Amerika aufzuschrecken.

Nun packte der General all das aus, was er jahrelang grollend in sich hineingefressen hatte. Er hatte es zwar immer wieder im Kreise der Vereinigten Stabschefs gesagt, in dem er von 1955 bis 1959 das Heer vertrat; er hatte auch im Nationalen Sicherheitsrat, nie ein Blatt vor den Mund genommen. Aber er war in den Tagen der selbstgefälligen, budgetbewußten Eisenhower-Administration nicht damit durchgedrungen. Jetzt, nach seinem Rücktritt, machte er seinem bedrängten Herzen Luft.

Er urteilte scharf und vernichtend. Nicht nur über die zersplitterte Kommandostruktur der amerikanischen Militärführung, sondern auch über die strategische Doktrin. Die Vereinigten Stabschefs verglich er einem Team von vier Kantinenköchen, die sich niemals über den Speisezettel des Tages einig werden: Jeder von ihnen kocht seine eigenen Lieblingsspeisen, da aber das Geld nicht für alles reicht, kommt dabei nie eine ausgewogene Mahlzeit zustande. Taylors Vorschlag zur Remedur: "Wenn die Köche nicht zusammenarbeiten können, dann macht den Besten zum Chef und schmeißt die übrigen ’raus!" Kurzum, an die Stelle der von Eifersüchteleien geplagten Vereinigten Stabschefs will er einen einzigen Oberbefehlshaber setzen, der souverän befehlen kann, und am liebsten möchte er überhaupt die herkömmlichen Waffengattungen verschmelzen.

Schon dieser Vorschlag löste allenthalben im Pentagon Widerspruch aus. Vollends aber stieß Taylor den Präsidenten Eisenhower und besonders die allmächtige Luftwaffe mit seiner Kritik an der Strategie der massiven Vergeltung vor den Kopf. Die massive Vergeltung, so schrieb er, sei "keine Allwetter- und Allzweckstrategie, mit der jeglicher militärischer Eventualität begegnet werden kann". Sie möge den großen Krieg verhindert haben, aber sie habe nicht den kleinen Frieden bewahrt – und sie werde es in Zukunft um so weniger tun, als der Einsatz von Kernwaffen zum Selbstmord oder – aus Angst vor dem Selbstmord – zur Kapitulation führe.