Die Geheimnisse der Preisbildung besonders auch in den Gefilden des Fremdenverkehrs machen die Überlegung unnütz, jeder Preisbildung müsse eine angemessene und vernünftige Berechnungsmethode zugrunde liegen. Heute gilt offenbar die viel simplere Überlegung: "An anderen Orten kostet es soundso viel, warum sollen wir es nicht auch nehmen?"

In einer ganz einsamen Gegend, die für den Fremdenverkehr noch gar nicht erschlossen ist, kam ich kürzlich zu einem-Haus mit der Aufschrift: "Gasthof, Pension Und kleiner darunter: Eigene Landwirtschaft und Schlachterei Ich trat ein, denn ich dachte: Hier kriegt man die Sachen direkt vom Erzeuger. Und alles wird entsprechend preiswert sein. Die Bezeichnung "Eigene Schlachterei" gab mir die Illusion einer üppigen Zuteilung bei Fleisch- und Wurstwaren, wobei es auf ein paar Scheiben vom Allerbesten nicht sonderlich ankommt. Beschwingt von der Aussicht auf die hierorts gewiß sehr preiswerten Tafelfreuden ließ ich mich auf der Veranda nieder. Ein Feldblumenstrauß, prächtig anzusehen, der eine beträchtliche Solidität ausstrahlte, stand auf dem Tisch. Eine Speisekarte war nicht vorhanden. "Nicat nötig; hier gibt es ja doch nur ein Gericht jeden Tag", erklärte mir eine vermittels einer weißen Schürze in eine Serviererin verwandelte ältere Hausangestellte freundlich. "Heute: Schweinerippchen mit Sauerkraut."

Eines meiner Lieblingsgerichte, und in der Tat sehr schmackhaft zubereitet. Die Portion war ausreichend, hielt sich aber durchaus in der konventionellen Grenzen. Hinterher gab es Grießpudding mit Himbeersoße. Alles Hausmacherart im besten Sinne.

Danach ging es ans Bezahlen. Ich hatte auch "Hausmacherpreise" erwartet, aber dies Essen – direkt ab Erzeuger – kostete hier abseits in der Einsamkeit genausoviel, wie ich dafür im Verkehrszentrum der Großstadt in einer durchschnittlichen Gaststätte zahlen muß. Es war nicht einen Groschen billiger. In einem Gespräch wurde mir freundlich, aber bestimmt bedeutet: "Ja, soviel kostet es doch überall!" – im verwunderten Ton des vorwurfsvollen Satzes: "Ja, kommen Sie denn vom Mond?"

Man kommt nicht umhin, festzustellen: die Preise reisen schneller als der Wind. Früher hätte niemand in dieser abgelegenen Gegend gewußt, wieviel ein entsprechendes Essen in der Stadt kostet. Doch das moderne Zauberwort "Preisangleichung" ist in kürzester Zeit bei ihnen angelangt. Früher hatten sie sich ihren Preis selbst auskalkuliert, einen angemessenen Gewinn mit einberechnet. Jetzt schielen sie einfach nach den anderen: was die sich zu nehmen trauen, das trauen sie sich auch. Die Unternehmen in der Stadt hätten größere Unkosten und böten weitaus mehr Service? Ist denn die Einsamkeit, die hier im abgelegenen Gebiet ringsherum vorherrscht, vielleicht kein Service? Es hat keinen Sinn zu debattieren. Das Essen wird deshalb nicht billiger.

Gewiß, es gibt Oasen im Land – Preis-Oasen –, auf die mein Beispiel nicht zutrifft, Wie es Täler gibt, die der Wind nicht erreicht. Jedoch diese Oasen werden immer seltener. Immer häufiger kommt man beim Reisen in solche Orte, die Überall heißen. Axel Use