Wir standen am Rand der blaugrünen Ipsosbucht auf Korfu – in Badehosen. Im Vordergrunddrehten Wasserskiläufer ihre gischtspritzenden Kurven, im Hintergrund übten leichtbekleidete junge Männer und Mädchen einen polynesischen Tanz vor den grasbedeckten Hütten des "Club-Mediterrannée". Gerard Blitz, ein grauhaariger Belgier mit erstaunlich jungem, glücklichem Gesicht, hat rund um das Mittelmeerbecken an bisher kaum bekannten Küstenstrichen zwölf solcher Feriendörfer gegründet. Vierzigtausend Menschen – vor allem Franzosen – werden dieses Jahr am Strand von Tunis, Israel, Korsika, Sizilien, Sardinien, Süditalien, Jugoslawien und Griechenland einen Urlaub verbringen, den man in Abwandlung des berühmten Romantitels als "Ferien zum Ich" bezeichnen könnte.

Die Veranstalter bemühen sich, den Menschen unseres Zeitalters, der im Berufsleben, in der nervenaufreibenden Atmosphäre der modernen Industriegesellschaft, nur noch einen Teil seiner Fähigkeiten zur Geltung bringen kann, körperlich wieder lebendig und geistig wieder schöpferisch werden zu lassen. Das Experiment ist so erfolgreich, daß Monsieur Blitz in den nächsten Jahren mindestens je ein neues Feriendorf zu gründen gedenkt, wahrscheinlich aber noch mehr: zwei in Spanien und Spanisch-Marokko, eines in Südfrankreich, eines auf Tahiti und eines auf Madagaskar. Auch der Bau eines Dorfes in Japan wird vorbereitet.

Welches ist nun eigentlich die eminent erfolgreiche "Ferienformel" des Monsieur Blitz? Er selbst verwendet zur Erklärung sehr oft das Wort "rupture totale" – vollständiger Bruch also mit allen Verpflichtungen, die dem Einzelnen von der Gesellschaft auferlegt werden. Das beginnt mit dem Geld. In den Dörfern des Klubs gibt es nur eine Art von Geld: rote, grüne und gelbe Perlen, die man als Kette oder Armband auf der gebräunten Haut trägt. Damit kann man sich an der Stehbar im "Dorfzentrum" Drinks kaufen; eine Limonade kostet eine grüne Perle, ein Whisky vier rote Perlen. Keiner bekommt, solange er im Dorf ist, einen Geldschein zu Gesicht.

Aber wichtiger noch erscheint mir ein anderer Bestandteil der Blitz-Formel: die Pflege des Abenteuers. Am Hafen, auf den ich hinunterschaue, liegen ständig zwei, drei, vier mit Hilfsmotoren ausgerüstete Segelschiffe bereit. Wer mit ihnen auf eine "Odyssee" fährt, wird irgendwo in einer stillen Bucht auf Unterwasserjagd nach Fischen gehen oder auf einer Insel landen, an der kein normales Linienschiff anlegt. Er wird auf Deck unter freiem Himmel schlafen, wird Fische am offenen Feuer braten, wird griechische Musik in einem kleinen Dorfgasthof hören und im Mondlicht tanzen. Wieviel davon "geplant" ist, wie sehr es sich hier in Wirklichkeit um ein von geschickten und klugen Organisatoren arrangiertes "Nomadentum" handelf – das merken die meisten Teilnehmer kaum.

Ich habe in den Papieren der Urlauber geblättert, weil ich wissen wollte, aus welchen Berufen sich die Mitglieder des "Club Mediterrannee vor allem rekrutieren. Ich war kaum überrascht, als ich sah, daß es vor allem Berufe waren, in denen eine mechanische, sich häufig wiederholende oder aber sehr präzise Arbeit verlangt wird. Erstaunlich die große Zahl von Teilnehmern, die an elektronischen Rechengeräten beschäftigt sind. Für sie bedeuten diese Ferien eine Art "seelische Ausgleichsgymnastik".

Aber das Wichtigste an der "Formel" des Monsieur Blitz, die übrigens zur Zeit von Anthropologen und Soziologen des "Conseil National de la Recherche" und des "Musee de l’Homme" in Paris wissenschaftlich untersucht wird, ist die Durchbrechung der Vereinsamung und Vereinzelung. Jeder, der in ein Feriendorf des Klubs kommt, wird nicht nur gleich mit Gesang, Küssen und Umarmungen empfangen, sondern auch sofort geduzt. Das empfindet man anfangs eher als unangenehm, aber dann wird im gemeinsamen "Abenteuer" der Schiffsreisen, bei der Arbeit an der selbstvertaßten und gespielten Freilicht-"Show", die es jede Woche gibt, beim Essen, beim Ballspiel, beim Tauchen, beim Schwimmen dieses "Du" zur Selbstverständlichkeit,

Es weht eben hier, und das hat doch wohl viel mit dem französischen Temperament zu tun, ein unpedantischer Geist spöttischer Fröhlichkeit, selbstkritischer Freiheit und wahrer Leichtigkeit – alles Ingredienzien, die nicht nachzuahmen sind und wohl auch in keiner "Formel" wirklich festgehalten und von anderen kopiert werden können.