Es gehört zum Propaganda-Repertoire in Ostberlin, sich über die "Agentenzentralen" in Westberlin zu entrüsten. Daß im Ostsektor der Stadt nicht nur ein üppiges Agenten- und Propagandanetz, sondern vertragswidrig auch ein beachtlicher Militärapparat aufgebaut worden ist, verschweigt man geflissentlich.

Wie das Bundesverteidigungsministerium berichtet, steht in Berlin-Adlershof ein Regiment Bereitschaftspolizei in Stärke von 4500 Mann, das in vier kasernierte Bereitschaften gegliedert und mit Infanteriewaffen, schweren Waffen und Kampffahrzeugen ausgerüstet ist. Weiter stehen im Ostsektor fünf kasernierte Bereitschaften Volkspolizei (Stärke: 3700 Mann) mit leichten und schweren Infanteriewaffen. Und schließlich gibt es eine etwa 30 000 Mann starke Bürgerkriegsmiliz, "Kampfgruppen der SED" genannt, die nach Stadtbezirken gegliedert ist und mit leichten Infanteriewaffen ausgestattet ist. Zu ihren jährlichen Übungen erhält sie aber mittlere Waffen und Straßenpanzerwagen.

Es gibt in Ostberlin eine völlig vertragswidrige Rüstungsproduktion, an der 16 Firmen zum Teil seit sechs Jahren beteiligt sind. Da gibt es Institutionen der Militarisierungspropaganda, wie den "Deutschen Militär-Verlag" in Berlin N 4, Luisenstraße 45, den Verlag des Innenministeriums in Berlin-Wilhelmsruh, Goethestraße 42 bis 44. Da gibt es militärische Dienststellen der "Nationalen Volksarmee", den militärischen geheimen Nachrichtendienst der "DDR" in Berlin-Lichtenberg, Normannenstraße 22. Daß am 1. Mai provozierende Militärparaden abgehalten werden, ist bereits zur Regel geworden.

Es gehört schon die Unverfrorenheit totalitärer Volksbetrüger dazu, angesichts dieser Tatsachen Entrüstung über die angebliche Bedrohung aus Westberlin zu heucheln. Und man kann sich leicht vorstellen, wie die Pankower Katze mit ihren militärisch geschärften Krallen die Westberliner Maus behandeln würde, falls die 10 000 oder 11 000 alliierten Soldaten, die dort zum Schutze der Bevölkerung stationiert sind, abgezogen würden. R. S.