Eindrücke einer Reise durch Sowjetrußland Von Louis Fischer

Moskau, im Juni

Der Intourist-Chauffeur, der darauf gedrillt war, Ausländer mit Propaganda-Argumenten zu beeindrucken, zeigte mir die riesigen neuen Wohnsiedlungen in Moskau. "Und wenn der Krieg nicht gewesen wäre, wären wir schon viel weiter!", bemerkte er.

"Wenn der Krieg nicht gewesen wäre", sagte ich, "und wenn Stalin nicht vor dem Kriege schon Tausende eurer besten Industrie-Manager und die führenden Köpfe eurer Wirtschaft hätte ermorden lassen. Außerdem", so fuhr ich fort, "wären eure Verluste im Krieg weit weniger schrecklich gewesen, wenn Stalin nicht die begabten Marschälle und Generale hätten hinrichten lassen, die jetzt hinterher wieder als unschuldig rehabilitiert werden."

"Das war Berijas Werk", hielt mir der Chauffeur entgegen.

"Hören Sie", erwiderte ich, "Berija wurde erst 1939 Chef der Geheimpolizei, aber Tuchatschewski, Yakir, Uborewitsch, Kork und andere Marschälle wurden schon am 12. Juni 1937 erschossen. Und Sie glauben doch nicht im Ernst, daß der NKWD es gewagt hätte, Tuchatschewski, Blücher und ihre großen Kollegen ohne Stalins Befehl umzubringen!"

"Nein", räumte er ein. "Lenin hat ja in seinem Testament geschrieben, daß Stalin nicht an die Macht kommen dürfe. Es wäre viel besser gewesen, ein Russe hätte uns regiert – ein Mann wie Swerdlow etwa."