Demokratie: Sport als tolerierte Narretei – "Volksdemokratie": Sport als Test kommunistischer Überlegenheit

Von Rudolf Hagelstange

Ich will die Beziehungen überprüfen, die zwischen den beiden Phänomenen Staat und Sport bestehen – oder auch nicht bestehen. Das aber dürfte am raschesten gelingen, wenn wir untersuchen, welche Aufgabe, welches Ziel jedes dieser beiden gesellschaftlichen Phänomene sich setzt oder doch setzen sollte. Angesichts einer so grundsätzlichen Frage mag die Antwort – in ihrer Unmittelbarkeit und Einfachheit – manchen überraschen. Aber sie ist so natürlich wie logisch. Wenn nämlich ein gemeinsames grundsätzliches Ziel erkannt werden kann, auf das sich ein freiheitlicher Staat und eine unabhängige Sportbewegung berufen könnten, dann wäre es mit der unbehinderten Verwirklichung und Entfaltung des Menschen, des Staatsbürgers zu seiner bestmöglichen Gestalt, seinem bestmöglichen Befinden, seiner bestmöglichen Leistung benannt.

Der Staat strebt gewissermaßen den allgemeinen, der Sport einen partiellen Wohlstand des Menschen an, einen gesundheitlichen, körperlichen, auch charakterlichen – der Vorzüge des Sports sind nicht wenige. Und selbst wenn wir beide Phänomene jeglichen ethischen Gehaltes entleerten, bliebe dem Staate das Prinzip der bürgerlichen Ordnung und dem Sport das der leiblichen Gesundheit. Staatswünsche und Ideale entsprechen und verhalten sich – im Positiven wie im Negativen – auf. jene schicksalhafte Art, auf die sie nun einmal miteinander verknüpft sind. Der Staat mag sich zum Beispiel noch so desinteressiert an dem Phänomen des Sports zeigen – wenn der Pegelstand der allgemeinen Volksgesundheit gemessen wird, wenn die militärischen Doktores die Wehrpflichtigen, die Schulärzte die Kinder, die Kassenärzte die Sozialversicherten untersuchen, dann wird offenbar, was in der Frage des Schulsportes und der Leibesübungen geleistet oder auch versäumt worden ist.

Kultur ist Luxus, aber ...

Diese Zusammenhänge und Rückbezüge sind so offensichtlich, daß eigentlich nur ein Wolkenkuckucksheimer oder Funktionäre der unempfindlichsten Kategorie keine Notiz von ihnen nehmen, keine Schlüsse aus ihnen ziehen können. Oder es muß der Sonderfall vorliegen, daß in der Verfassung eines großen demokratischen Staates weder ein Kultus- noch ein Gesundheitsminister vorgesehen ist. Dieses ist in unserem Staatswesen der Fall.

Ich bin bereit zuzugeben, daß Kultur ein Luxus ist, eine Knopflochdekoration, eine Feiertagsgeste. Wäre sie mehr, so wären einmal bestimmte Dinge, die uns und unser Jahrhundert so kompromittieren, einfach nicht möglich gewesen; und zum anderen würde auch die Allgemeinheit deutlicher empfinden, daß wir in den ethischen, ästhetischen, hygienischen Bereichen auf eine sträfliche, gelegentlich menschenverächterische Art von der Hand in den Mund leben.