Wer seit 25 oder gar 50 Jahren keinen Kopfsprung mehr in ein offenes Gewässer gemacht hat, der ist leicht geneigt, die Sorgen derer, die ihre Kinder in den verschmutzten Gewässern heute baden sehen, gering einzuschätzen. Er wird auch den Unmut eines Vaters nicht begreifen, der es erlebte, daß zwei seiner Kinder im Wachstumsalter anderthalb Jahre ohne Schulturnen auskommen mußten, weil es bei dem Mangel an Lehrkräften für eine erkrankte Turnlehrerin offenbar keine Vertretung gibt. Und wer über den Mangel an Schulen und Klassenräumen Klage führen hört, dem möchte der Neubau von Turnhallen, die Anlage von Schwimmbädern, Spiel- und Sportplätzen vielleicht als Luxus erscheinen; und ich bin mir nicht ganz sicher, ob nicht mancher, für den sich das Phänomen Sport in 44 sonntäglichen Fußballbeinen, vier Boxerfäusten oder einer angeheiterten Sechstagerennen-Nacht erschöpft, den "Goldenen Plan" der DOG nur deshalb für diskussionswürdig ansieht, weil schließlich viele Hunderttausende oder gar ein paar Millionen von Sportlern oder Sportfreunden wahlberechtigt sind. In solchen Augen spielt der Sport die Rolle etwa einer zwar staatlich zu tolerierenden, aber leicht geschmacklosen Narretei, die einem erwachsenen Menschen eigentlich wenig anstünde.

Verderbliches Trauma

Das mag seinen Zusammenhang haben mit gewissen Einschätzungen, Überschätzungen, Mißbräuchen des Sports heute wie gestern, zumal während des Dritten Reiches. Aber im Grunde handelt es sich wohl, was die Zwielichtigkeit des Phänomens Sport in unserer Gesellschaft betrifft, um ein altes, vielleicht sogar speziell deutsches Trauma, um jenes seit Generationen in den meisten Höheren Schulen überlieferte Vorurteil des sogenannten Geistes nämlich gegen alles Körperliche.

Ich habe einmal in der Landeshauptstadt eines Bundesstaates inmitten von einigen Ministern, Politikern und höheren Beamten (auch höhere Pädagogen waren dabei) dem Referat eines gar nicht namenlosen Mediziners über den bedenklichen Gesundheitszustand unserer Schuljugend, über Mittel und Wege zur Behebung der Mängel zugehört und dabei die Reaktionen, Bemerkungen und Kommentare vernommen, mit denen die Laien die Ausführungen des Fachmannes bedachten. Selten hat mich etwas so deprimiert wie die Präpotenz dieser sogenannten Volksvertreter.

Nachdem der Sport unter dem Diktat eines rücksichtslosen Machtstaates seine ärgste Verballhornung und zugleich lärmendste Glorifizierung gefunden hatte, widerfährt ihm jetzt, im demokratischen Staat, ein anderes, leiseres, aber nicht weniger bedauerliches Mißverständnis: Man weiß nichts Rechtes mit ihm anzufangen. Man nimmt ihn hier für eine Quantitee négligable, dort für ein unvermeidliches Übel, da für eine Massensuggestion. Man sieht nicht die Art – man sieht die Entartung. Ein großes erzieherisches, charakterbildendes Werkzeug in der Hand des Menschen scheint vielen endgültig – durch Mißbrauch oder Mißverständnis – zu einer törichten Marotte degradiert. Es hat wenig Sinn, in Wehgeschrei und Klagen auszubrechen über die Ungerechtigkeit oder den mangelnden Sachverstand mancher Zeitgenossen, die – unwissentlich oder geflissentlich – übersehen, daß sich einmal heute alle Maßstäbe verschoben haben, welche uns in unserer Jugend oder unseren Vätern lieb waren, und die zum anderen vergessen, daß ein Phänomen wie der Sport wahrscheinlich zu allen Zeiten, da es ihn in irgendeiner Form oder Vorform gab, ein. ambivalentes Phänomen gewesen ist. Wenn wir heute – im Boxen, Radfahren, im Fußball oder Tennis – eine wohlhonorierte Gladiatorenschaft um die Unterhaltung und kurzfristige Entspannung der Masse bemüht sehen, so fällt uns ein beziehungsvoller, ja anzüglicher Rückblick auf Gehabtes nicht eben schwer. Der Schrei nach Brot und Spielen ist ja so jungen Datums nicht, wie mancher zu glauben scheint.

Zudem verändert sich das Verhältnis des einzelnen Menschen zu seinen Lebens- und Daseinsäußerungen fortlaufend. Der Fünfzehnjährige, der plötzlich seinen Körper entdeckt und eine besondere physische Begabung zu schmecken beginnt, hat ein anderes Verhältnis zum Sport als der Zwanzigjährige, der in die Askese geht, um das Außerordentliche zu versuchen. Der Spieler unterscheidet sich vom Leistungssportler, dieser wieder vom Gelegenheitsakrobaten. Dem Schüler mag die Turnstunde ein willkommener Fluchtweg vor geistiger Anstrengung sein; dem Arzt oder Sportpädagogen gilt sie als unentbehrlicher Ausgleich.