Ich weiß, es ist banal, „den Herkules zu loben“. Ich bitte um Verzeihung. Aber ich stehe seit Jahren so sehr im Banne dieses Bildes, um das für mich die ganze Münchener Pinakothek mit ihren Schätzen herumgebaut ist, daß ich, nun einmal aufgefordert, von ihm reden muß.

Grünewald – er stand mit Greco Pate beim Expressionismus. Mit zwanzig wallfahrte ich nach Colmar. Dieses Münchener Bild hingegen blieb mir damals verschlossen. Es ist nicht ein Beispiel für den Spaß, den die Deutschen zeitenweise am Widrigen, Grausigen haben – und wie er uns bei so manchem mit eiserner Pedanterie gemalten Altarbild entgegentritt.

Hier waltet ein andrer Geist, eine Höhe göttlicher Gelassenheit. Nur der zierlich um das Marterholz gewickelte Darm, mit leichtem Pinsel angedeutet, erinnert an das Martyrium.

Ungewöhnliche Komposition: eine schiefe Phalanx mit Betonung des rechten Flügels. Wie herrlich kommt so der Erasmus zur Wirkung: das getreue Porträt eines etwas aufgeschwemmten deutschen Geistigen – wer die Augen hätte ihn so zu sehn, ebenso wie den zahnlosen Alten hinter ihm! Ein Modell für den Mohren war vielleicht schwerer zu beschaffen – seine Rüstung (man kann nebenan im Nationalmuseum derlei Rüstungen sehn), aus welchem himmlischen Stahl ist sie geschmiedet?

über das ganze Bild ist ein unirdisches Licht gehaucht – kommt es von den Heiligenscheinen? Alles scheint Wirklichkeit, und alles ist doch unwirklich: Diadem, Bischofsstab, Handschuhe, Mantel – wie aus einer Traumwelt.

Welch Glück, für kurze Zeit an dieser Welt teilhaben zu dürfen, die der unsern so fern ist! Fast wundert man sich, daß die Dämonen der Zerstörung, Stumpfsinn und Nichtsnutz ein solches Kleinod aus dem Reich des Geistes auf uns haben kommen lassen.