Von Thilo Koch

Washington, Anfang Juli

Dieser Sommer internationaler Krisen ist für die Amerikaner auch ein Sommer großer historischer Erinnerungen. Am Dienstag dieser Woche, dem 4. Juli 1961, war es genau einhundertfünfundachtzig Jahre her, seit die ersten dreizehn der Vereinigten Staaten von Nordamerika ihre Unabhängigkeit erklärten. Der 4. Juli ist seit jenem Jahre 1776 der höchste politische Feiertag der USA – ihr Geburtstag.

Amerikaner sind auch nur Menschen, und so strebten sie an diesem Tage in riesigen Autorudeln überall hinaus in die Ferne, anstatt zu Füßen der zahlreichen nationalen Gedenkstätten in feierlicher Pose zu verharren. Aber jedem Bürger hierzulande ist es doch heilig ernst mit dem Stolz auf die damals erstrittene Unabhängigkeit und die Constitution, die Verfassung der Vereinigten Staaten.

Wenn der europäische Beobachter sich in diesem Lande oft versucht fühlt, über den deftigen Patriotismus der Amerikaner zu lächeln, dann kommt darin doch auch das oftmals zynische Verhältnis zur eigenen, europäischen Geschichte zum Ausdruck. Wo aber in der Welt, wo in unserem geschichtsträchtigen Europa, gibt es eine demokratische Verfassung, die runde einhundertachtzig Jahre ununterbrochen in Kraft ist? In Deutschland haben wir es bisher nur zu einem fragmentarischen Versuch zwischen den Kriegen gebracht und zum Bonner Grundgesetz von 1949. Demokratische Tradition? In der Tat, ein Volk, das George Washington als den Vater des Vaterlandes verehrt, den Mann, der 1789 zum ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika inauguriert wurde, braucht sich da nicht zu verstecken.

John F. Kennedy ist der fünfunddreißigste Präsident in dieser ununterbrochenen Reihe. Anders als die große Mehrzahl seiner großen Vorgänger hat er sich mit Weltpolitik zu befassen, eine Sache, die für die USA in der Tat verblüffend neu ist. Politik in diesem nordamerikanischen Staatenbund war bis in unser Jahrhundert fast ausschließlich Innenpolitik. Isolationismus – heute ein älter Zopf – war einmal selbstverständlich, war Ausdruck distanzierenden Stolzes. Vor hundert Jahren hatten die Vereinigten Staaten ihr Wiedervereinigungsproblem; heute sehen sie sich in der Lage, die eigene Existenz zu riskieren, weil das Wiedervereinigungsproblem eines europäischen Staates nicht gelöst werden kann.

Vor hundert Jahren. Es gibt keinen Drugstore, der etwas auf sich hält, in dem sich gegenwärtig nicht zahllose Erinnerungen an den Civil War, den Bürgerkrieg, finden ließen. Das reicht von der Schaufensterdekoration bis zu den Kitschpostkarten. Die Boy Scouts werden nicht müde, in "lebenden Bildern" darzustellen, wie die letzte Kanone; die letzte Fahne, die letzte Muskete umkämpft wurden. Gerade im Staate Virginia sind die Restaurateure eifrig am Werk. Hier kam es zu den blutigsten Treffen zwischen den Armeen der Konföderation und denen der Union.