Bei einer Theatertagung sprach August Everding, der begabte Regisseur der Münchner Kammerspiele, gelassen das große Wort: es sei keine Zeit mehr für Theaterskandale; er könne sich einen Theaterskandal höchstens noch in München vorstellen, wenn auf der Bühne ein Hund gequält würde ...

Nun, in Sternheims "Kassette" wird kein Hund gequält, höchstens ein wenig die deutsche Sprache. Und doch gab es im Residenztheater anläßlich der berühmten Rudolf-Noelte-Inszenierung mit Theo Lingen und Anne Karsten einen sogar sehr soliden Krach mit Debatten von Rang zu Rang während des Spiels und viertelstündigem Buh-Chor nebst lautstarkem Pfeifkonzert am Schluß.

Urheber dieser Demonstration waren ein Dutzend jugendliche Schwabinger. Sie gaben in der anschließenden Foyer-Diskussion ihre Gründe an (zum Teil hatten sie sie schon durch, den Zuschauerraum gerufen): das Stück sei schlecht, kein gutes Wort darin zu finden, und überhaupt sollte man einmal anstatt der ewigen Ausgrabungen veralteter Scharteken junge Autoren, zu Wort kommen lassen.

Soweit der Sachverhalt. Unter uns: darüber läßt sich wirklich streiten, ob nicht jegliche Schwarzin-Schwarz-Malerei, sei sie gegen wen oder was auch immer gerichtet, heute etwas wie "Klamotte" wirkt und ob nicht gerade so scharfe Attacken auf die bürgerliche Welt bei jüngeren Generationen kein Verständnis mehr finden können – mangels greifbarer Realität. Zwischen Sternheim (den Namen als Symptom genommen) und den Jungen von heute klaffen schließlich etliche offene und dennoch bereits mehrfach eingerannte Türen ...

Warum denn nicht Buh und Bäh, warum nicht gelegentlich so ein erfrischendes Pfeifkonzert? Wie oft hört man nicht gerade von Theaterleuten, ein herzhafter Krach sei ihnen lieber als laue Gleichgültigkeit! Indessen: es bleibt ein Nachgeschmack. Denn hinter jeder solcher "spontanen Kundgebung" steht irgendeine Art von Organisation. Und Organisation weckt Mißtrauen.

Früher gab es in der Oper – allgemein bekannt und anerkannt – die Claque. Sie hatte bei Premieren und Debüts dafür zu sorgen, daß im richtigen Moment der rasende Beifall ausbrach. Heute gilt jedoch gerade bei neuen Opern unwidersprochener Premierenbeifall als keine Empfehlung. Was so schnell gefällt, kann nicht gut sein – so etwa lautet der skeptische Grundgedanke. Daher denn bei derartigen Gelegenheiten niemals Leute fehlen, die erst durch "Äußerungen reaktionärer Borniertheit" die Flamme der Begeisterung so richtig entfachen. Wie oft wird so aus lahmer Unentschiedenheit ein fulminanter Erfolg! Organisation? Das Mißtrauen bleibt. Es bleibe!

Übrigens wird in München noch oft und gern gepfiffen: in der Oper, im Schauspiel, in der Musica viva. "Auf geht’s!" Vielleicht ist’s nur ein Zeichen schöner Unabhängigkeit. In südlicheren Breiten gehört dergleichen einfach zu jeder Art von öffentlicher Darbietung. Warum also die Stirn in untersuchungsrichterliche Falten ziehen? a-th