Seit unserem letzten "Gespräch am Bankschalter" hat es in den Börsensälen einige bewegte Wochen gegeben. Daß sie in jeder Phase erfreulich waren, wird keiner von Ihnen, meine verehrten Leser, empfunden haben. Wer jedoch schon länger "in" Wertpapieren spart, weiß, daß sich die Kurse niemals in gerader Linie aufwärts entwickeln. Jede Aufwärtsbewegung wird durch mehr oder weniger lange Perioden der Schwankungen unterbrochen. Solche Zeiten müssen durchgestanden werden, was um so leichter fällt, wenn man langfristig disponieren kann und wenn man sein Portefeuille voll bezahlt hat. Wo das der Fall ist, da sind auch jetzt – trotz der allgemeinen Börsenmißstimmung – Überlegungen am Platze, inwieweit und wo weitere Ersparnisse angelegt werden können. Lassen Sie mich Ihnen deshalb eine Neuerscheinung des Wertpapiermarktes vorstellen.

Wer auf lange Sicht spart und der Versuchung widerstehen will, die Erträgnisse seines Vermögens zu verbrauchen, schließt im allgemeinen eine Lebensversicherung ab, abgesehen davon, daß dadurch den Erben bei vorzeitigem Tod die schlimmste Not ferngehalten wird. Trotz der überaus erfreulichen Erfolgszahlen der deutschen Lebensversicherungen kann nicht verschwiegen werden, daß es zahlreiche Leute gibt, die dem Nominalwertsparen auf Grund schlechter Erfahrungen nicht wohlgesonnen sind, sondern das Sachwertsparen vorziehen. Dabei wird bewußt auf den Versicherungsschutz verzichtet. Der Individual-Sachwertsparer legt jährlich oder monatlich eine bestimmte Summe in Aktien oder Grundstücken an, wobei den Aktien der Einfachheit halber der Vorzug gegeben wird. Die Dividendeneinnahmen werden jeweils re-investiert.

Um diese Sparart zu pflegen und um dieses Sparen zu erleichtern, hat jetzt die Deutsche Gesellschaft für Wertpapiersparen (steht unter der Führung der Deutschen Bank) einen sogenannten Wachstumsfonds herausgebracht, der den Namen Akkumula (Investa-Spezial) trägt. Er schüttet die Erträgnisse nicht aus, sondern legt sie wieder in Aktien an. Damit wächst der Wert der Zertifikate schneller, als es bei solchen Fonds der Fall sein kann, die eine jährliche Ausschüttung vornehmen. Einen Fonds gleicher Art hat vor Jahren die Dresdner Bank mit ihrem Thesaurus ins Leben gerufen, der sich zusätzlich einer inzwischen verstopften Steuerlücke bedienen wollte. Nach den gesetzlichen Vorschriften sind von Wachstumsfonds (wie bei allen anderen Fonds) erzielte Veräußerungsgewinne und Bezugsrechterlöse in jedem Falle für den Anteilsinhaber steuerfrei. Dividenden und Zinsen aus inländischen Wertpapieren fließen den Fonds ohne Steuerbelastung zu; sie müssen jedoch – obwohl sie nicht ausgeschüttet werden – vom Anteilsinhaber wie zugeflossene Kapitalerträge versteuert werden. Auf vom Fonds vereinnahmte Dividenden und Zinsen aus ausländischen Papieren wird im Ausland vielfach ein Steuerabzug vorgenommen. In der Bundesrepublik sind diese Dividenden und Zinsen entweder steuerfrei oder die im Ausland einbehaltene Steuer wird auf die deutsche Einkommen- bzw. Körperschaftsteuer angerechnet. Einzelheiten über die Besteuerung teilen die Wachstums-Fonds im jährlichen Rechenschaftsbericht mit. Tatsächlich ist es so, daß der Inhaber von Zertifikaten eines Wachstums-Fonds nicht nur keine Erträgnisse daraus ausgezahlt erhält, sondern darüber hinaus noch aus seinen sonstigen Einkünften die Steuern für die Gutschriften aufbringen muß. Natürlich werden in normalen Zeiten die Ausgabepreise der Zertifikate schneller wachsen, als die Steuern ausmachen.

Im übrigen darf ich Sie daran erinnern, daß für Lohnsteuerpflichtige mit Einkommen unter 24 000 DM jährlich völlige Steuerfreiheit besteht, wenn die Nebeneinkünfte – einschließlich des steuerpflichtigen Teils der Fonds-Erträge – weniger als 800 DM jährlich betragen. Bei Errechnung der Freigrenze von 800 DM kann vorher von den Einnahmen aus Kapitalvermögen ein Werbungskostenpauschbetrag von 150 DM bzw. bei zusammenveranlagten Ehegatten von 300 DM abgezogen werden. Damit dürften für viele von Ihnen, meine verehrten Leser, jegliche Steuersorgen im Zusammenhang mit Fonds-Gutschriften entfallen.

Der Akkumula-Fonds hat – wie jeder Investment-Fonds – ein Anlagekonzept. Er will sich vornehmlich den Gesellschaften mit Wachstumschancen widmen, die im Bereich der chemischen Industrie, der Elektro- und Versorgungsindustrie, der Elektronenindustrie, Verbrauchsgüterindustrie, Banken, Versicherungen und Warenhäuser gefunden werden sollen. Das Schwergewicht (bis zu 75 vH des Fonds-Vermögens) liegt bei den Aktien der Bundesrepublik, 25 vH dürfen in ausländischen Werten angelegt werden. Damit ist ein gewisses Maß an Risikostreuung gewährleistet.

Nun zur Frage des Ausgabepreises, der erstmals auf 60 DM je Zertifikat festgesetzt worden ist. Sie wissen, daß ein Fonds den Erstpreis voll g willkürlich bestimmen kann, daß er also keine Aussagekraft über billig oder teuer hat. Offenbar hat man 60 DM für einen handlichen Preis gehalten, der einen besseren Absatzerfolg verspricht als beispielsweise 100 DM, wie er in früheren Zeiten in der Regel als Eröffnungspreis genommen wurde.

Interessant ist ohne Zweifel der Zeitpunkt der Fonds-Gründung. Er fällt in eine Periode schwacher Börsen. Damit wird auf die Werbekraft der Hausse beim Verkauf der Zertifikate verzichtet. Andererseits liegt auf der Hand, daß gerade für einen langfristigen Sparer der Zeitpunkt zum "Einsteigen" auf dem Aktienmarkt günstig ist, denn die Kurse liegen schon ein gutes Stück unter den höchsten Notierungen dieses Jahres. Der Kenner kauft in der Baisse – und das dürfte sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch jetzt bezahlt machen, womit natürlich nicht gesagt ist, daß die Kurse nicht noch weiter fallen können. An der Börse wird, jedoch nicht geklingelt, um diesen etwas abgegriffenen Ausdruck einmal zu gebrauchen, und niemand wird sagen können, wann wir den tiefsten Punkt der gegenwärtigen Abwärtsbewegung erreicht haben werden. Richtig ist es immer, die Käufe über einen längeren Zeitraum zu verteilen, um später einen günstigen Mittelkurs zu erzielen. Und so kann man es auch bei dem Erwerb von Akkumula-Zertifikaten halten. An besonders schwachen Tagen einige kaufen, wenn es noch schwächer, wird, "loskaufen. Nichts spricht dafür, daß schon Eile beim Wertpapiererwerb not tut. Wahrscheinlich ist, daß Chruschtschow der Käuferseite in den nächsten Wochen noch manch’ günstige Gelegenheit verschaffen wird.