Die Hoffnungen, daß sich die internationale Spekulation allmählich an die verschärften Ost-West-Spannungen gewöhnen würde, haben sich bislang nicht erfüllt. Noch immer zeigt die Berlin-Krise als Börsenfaktor keine Abnutzungserscheinungen. Jeder Regung der Sowjets in der Deutschlandfrage folgen neue Verkäufe des Auslandes – und damit verbunden weitere Kursverluste. Der Umstand jedoch, daß nicht nur die deutschen, sondern auch die übrigen europäischen Börsenplätze rückläufige Kurse zu verzeichnen haben, beweist, daß man nicht mehr an eine Lokalisierung des Risikos glaubt. Andererseits fehlen für eine Verlagerung des Kapitals in Richtung USA jegliche Anzeichen. Daraus muß gefolgert werden, daß die internationale Spekulation vorerst nicht geneigt ist, sich längerfristig festzulegen, sondern flüssig bleiben will, um sich im Falle eines "Verhandlungsfriedens" wieder den europäischen (und besonders den deutschen) Wertpapieren zuwenden zu können, die im Grunde weiterhin als kursgünstig angesehen werden.

Aber vorläufig befinden sich die deutschen Börsen auf einer "Durststrecke", deren Länge allein von der großen Politik abhängt. Daß die Regierungspartei und die Bundesregierung von der Kursentwicklung vor den Wahlen nicht gerade beglückt sind, ist verständlich. Millionen von Volksaktionären machen im Hinblick auf die Abwärtsentwicklung des VW-Kurses lange Gesichter. Der niedrige Einstandskurs von 350 vH und weniger ist vielfach vergessen; dafür erinnert man sich um so deutlicher an die Kurse von über 1000 vH, die vorerst der Geschichte angehören. Sehr schnell wurde den VW-Aktionären demonstriert, daß Aktien Risikopapiere sind und daß die Kurse nicht nur zu steigen pflegen. Der VW-Kurs wird gegenwärtig nicht von den VW-Zeichnern gedrückt, sondern von den Ausländern, die sich vor einigen Wochen noch um diese Papiere schlugen und die in erster Linie für den ungewöhnlichen Kursanstieg verantwortlich waren. Niemand kann ein Interesse daran haben, diesen Leuten ihre Papiere nun wieder zu hohen Kursen abzukaufen. Und das gilt auch für die anderen Aktien, die sich bislang der Gunst der Ausländer erfreuten.

Der auf das Konto der internationalen Spekulation gehende Kurseinbruch bei den großen Standardwerten (IG-Farben-Nachfolger, AEG, Siemens und VW) läßt sich natürlich nicht auf diese Papiere lokalisieren. Der deutsche Berufshandel und auch die beweglichen Großanleger nutzen die Gelegenheit, sich in diesen Papieren billig einzudecken und beschaffen sich die dazu erforderlichen Mittel durch den Verkauf von Werten, deren Kurse bislang noch nicht oder nur wenig gefallen sind. Auf diese Weise verstärkt sich das Angebot auf breiter Front, und überall geraten die Kurse ins Rutschen.

Wirtschaftliche Überlegungen spielen bei der jetzigen Kursbildung keine Rolle mehr. Obwohl nahezu sämtliche Berichte, die von den Gesellschaften auf Pressekonferenzen und Hauptversammlungen gegeben werden, einen optimistischen Grundton anschlagen, ist ihre Wirkung auf die Kurse gleich Null. Um so eifriger diskutiert man die Weltwährungssituation und die Möglichkeiten zu ihrer Bereinigung. Natürlich ist man sich darüber im klaren, daß jede Veränderung der Paritäten eine neue Belastung der Wettbewerbssituation der deutschen Industrie bringen wird, aber andererseits überschätzt man die etwaigen Folgen nicht.

Das schließt nicht aus, daß die langfristigen deutschen Anlegergruppen sich heute bereits Gedanken machen, bei welchen Unternehmen sich der härtere Wettbewerb am meisten niederschlagen wird. An den Kursen der Leder- und sehr vieler Textil-Aktien lassen sich die Konsequenzen dieser Überlegungen ablesen. Auch bei den Montanen bleibt weiterhin eine gewisse Reserve spürbar. Sie werden lediglich hinsichtlich der Rendite als "interessant" betrachtet. Auf Grund der breiten Streuung scheiden sie vom Kurs her als Gewinnbringer aus. Ziemlich unbedenklich werden die Bestände an Chemie- und Elektrowerten ergänzt.

Der Rentenmarkt hat für die fünfprozentige Anleihe der Bundesbahn keine große Begeisterung gezeigt. Das war vorauszusehen, nachdem es als sicher zu gelten hatte, daß das Ausland zum jetzigen Zeitpunkt kein Interesse für deutsche Anleihen aufbringen würde. Die deutschen Kapitalsammelstellen bevorzugen weiterhin den Schuldscheinmarkt, der ihnen bessere Konditionen bringt, als es bei den neuen fünfprozentigen Anleihen der Fall ist. So blieb für die Bahn-Anleihe nur das Publikum übrig, dessen Finanzkraft natürlich nicht ausreichte, um die 250 Mill. DM der Bundesbahn aufzunehmen. Ein großer Teil der Anleihe hängt deshalb noch bei den Konsortialbanken, die ihrerseits darauf hoffen, die Liquiditätseinbuße durch eine entsprechende Mindestreservensenkung ausgeglichen zu erhalten. Kurt Wendt