Von Paul Sethe

Hat der Präsident des Bundestags wirklich geglaubt, das strahlende Bild der Einmütigkeit werde auf die Dauer erhalten bleiben, als ihm vor vierzehn Tagen alle Seiten des Bundestags begeistert zustimmten? Achtundvierzig Stunden später mußte er den Tadel der Oberen seiner Partei hinnehmen. Sie hatten zu viele Stellen entdeckt, die von der offiziellen Linie abwichen.

Dabei ist Gerstenmaier nicht nur ein treuer Sohn seiner Kirche und seines Staates, sondern auch der Partei. Eigentlich müßte sie seine Treue um so höher schätzen, als sie sich immer wieder in inneren Kämpfen bewähren muß. Freilich bleibt auch immer etwas Ketzerisches um ihn. Dieser gelehrte Handwerkersohn ist nicht zufällig aus Schwaben; er hat zuviel Phantasie, zuviel Eigenwillen, zuviel Erfahrung auch, als daß ihm in den Bahnen von Amts- und Parteidogmen immer wohl sein könnte. "Einfallsreiche Beweglichkeit" hat er einmal für unsere Außenpolitik gefordert. Das mußte jedem unheimlich klingen, der die Linie deutscher Außenpolitik für unverrückbar und Phantasie für ein gefährliches Laster hält. Der Bundestagspräsident, der sich den sträflichen Luxus einer eigenen Meinung erlaubt, hat nicht erst in diesen Wochen unfreundliche Worte hören müssen.

Als er vor drei Jahren in die Erstarrung aller diplomatischen Gespräche über die Wiedervereinigung den Gedanken warf, es solle über einen Friedensvertrag mit ganz Deutschland verhandelt werden, wollte er damit Bewegung in die scheinbar festgefrorenen Fronten bringen, die Widerstände gleichsam von der Flanke aufrollen. Verhandlungen über den Friedensvertrag hätten zwangsläufig in Verhandlungen über die Wiedervereinigung einmünden müssen, Jetzt hat Gerstenmaier diese Idee im Bundestag wieder aufgegriffen, auch um damit die Berliner Krise gleichsam zu unterlaufen. In der verdüsterten Lage von heute sicherlich schon mit verringerter Hoffnung, aber immer noch in dem alten Bemühen, sich mit einer ungünstigen Entwicklung nicht einfach abzufinden, sondern sie durch eigene Initiative umzuformen, zu verbessern, aus ihr heraus die ersten Schritte zu dem großen Ziele hin zu tun.

Der Risiken des Unternehmens ist sich wohl niemand besser bewußt als er. So wenig wie mit irgendeiner anderen Formel ist Eugen Gerstenmaiers Bedeutung mit dem Worte vom phantasievollen Planer zu erschöpfen. Dicht neben dieser Eigenschaft wohnt die Nüchternheit, auch vielleicht ein Erbe der Handwerkerahnen. Über die russischen Vorstellungen hat er sich schon vor drei Jahren genau unterrichtet. Wie sehr sich diese inzwischen verhärtet haben, ist ihm nicht fremd geblieben. Aber gerade weil er das Wagnis so sorgsam bedachte, glaubte er, das Recht zu haben, neue Bahnen zu weisen. Er weiß, was jeder geborene Politiker weiß: daß kein großes Werk ohne Kühnheit geschaffen wird. Mut wohnt in seinem innersten Wesen. Was in ihm an frommer Gläubigkeit ist, muß ihn noch darin bestärken, einen neuen Weg zu gehen.

Aber er wird ihn auch diesmal nicht gehen dürfen. Er wird auch diesmal scheitern, wie er vor drei Jahren gescheitert ist. Soviel Gaben des Geistes und des Charakters die Natur auch unserem Parlamentspräsidenten geschenkt hat, eine hat sie ihm versagt: sich einen größeren und geschlossenen Kreis zu schaffen, der ihn als Führer anerkennte; diesen Kreis zu überzeugen und mit seinen Gedanken zu erfüllen, und schließlich mit diesen Bundesgenossen die Auseinandersetzung über seine Ideen zu wagen und zu gewinnen.

Wie so viele bedeutende und selbständige Männer wirkt auch er oft schroff und verstimmt manchen, der gern bereit wäre, diesen überlegenen Verstand anzuerkennen. "Wer wird nicht Gerstenmaier loben? Doch wird ihm jeder folgen? Nein." Hätte er ein wenig Brentanosche Liebenswürdigkeit und Geschmeidigkeit, wer weiß, wie weit er schon wäre? Unnötig zu sagen, daß sich unbefangene Menschen von seinen Kanten eher angezogen fühlen. Aber wer ist schon unbefangen? Auch Abgeordnete sind nur Menschen.