Alle die Glückwünsche, die der neue Erzbischof von München und Freising, Julius Kardinal Döpfner, in diesen Tagen erhalten hat, haben die Enttäuschung der Berliner nur vergrößert – eine Enttäuschung über den Weggang des Kirchenfürsten, die als Bedauern auch in nichtkatholischen Kreisen geteilt und von politischen Bedenken begleitet wird. Kardinal Döpfner hat erklärt, daß er immer wieder seine Bedenken angemeldet habe. Er habe sich in seinen Berliner Jahren nie in seine bayerische Heimat zurückgewünscht, sondern sein Schicksal mit dem Berlins verbinden wollen. "Ich wollte nicht einer sein, der seine Herde in notvoller Zeit verläßt."

In diesen Worten tritt noch einmal hervor, was die Öffentlichkeit sehr bald dazu verführt hat, ihn verkürzt und nicht ganz zutreffend einfach den "Berliner Kardinal" zu nennen. Nicht ganz zutreffend deshalb, weil das junge, erst wenige Jahrzehnte alte Bistum Berlin keineswegs einen Anspruch oder wenigstens ein Gewohnheitsrecht darauf geltend machen kann, von einem Manne mit dem Kardinalshut geführt zu werden. Der vorige Kardinal war Konrad Graf Preysing, der das Bistum über die letzten Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft und das Kriegsende hinweg in die schwierigen Jahre des Neuaufbaus hineingeführt hat. Als jedoch Johannes XXIII. auch Bischof Döpfner 1958 zum Kardinal machte, empfand dies das Bistum als eine Anerkennung seiner schwierigen und bedeutenden Stellung. Denn das Bistum beschränkt sich ja nicht auf die Stadt Berlin, es umfaßt die katholischen Gemeinden von Rügen im Norden bis zum Fläming im Süden, von Frankfurt an der Oder bis Brandenburg und Perleberg im Westen.

Sicher ist, daß Kardinal Döpfner, ebenso wie unter Pius XII., von dem er nach Berlin berufen wurde, auch unter Johannes XXIII. die besondere Wertschätzung der römischen Kurie besitzt. Seit 1948 war der im Jahre 1913 unweit von Bad Kissingen geborene Julius Döpfner Bischof von Würzburg. Er war mit kaum 35 Jahren damals der jüngste Bischof Europas überhaupt. Kaum neun Jahre waren nach seiner Priesterweihe vergangen, die er in Rom gefeiert hatte. Dort hatte er am "Germanicum" studiert. Alles das waren Indizien, die auf große Aufgaben in der Zukunft hinwiesen. Dennoch hat man sich, als er nach Berlin berufen wurde, zunächst einige Sorgen gemacht – seiner durchaus kräftigen, zuweilen streitbaren Sprache halber, von der man fürchtete, daß sie nicht gar so gut in ein Dispora-Bistum vom Charakter Berlins und seiner säkularisierten Atmosphäre passen dürfte. Aber der junge Bischof, der nach Berlin kam, wirkte zunächst in der Stille.

Auch gegenüber den Verhältnissen in der Sowjetzone bewahrte er zunächst Zurückhaltung. Freilich hat ihn das nicht davor bewahrt, bald am Zutritt zur Sowjetzone gehindert zu werden. Es schmerzte den Kardinal, diese Gemeinden nicht mehr besuchen zu können; doch hat dies bei ihm niemals zur Bitterkeit geführt.

Will man die Berliner Jahre des Kardinals Döpfner politisch werten – die Zeitspanne zwischen 1957 und 1961 –, so wird man vor allem hervorheben, daß er dem Bistum in der Auseinandersetzung mit der Umwelt einen anfechtbaren Stand gegeben hat, indem er es immer wieder auf die Tradition im Kampf mit dem Nationalsozialismus hinwies und dies als den Felsen bezeichnete, auf dem das Bistum auch heute stehen könne. Und ein zweites: Döpfner hat auch bei aktueller Bedrängnis des Berliner Bistums Gelegenheit gesucht, einer Versöhnung mit den Völkern des Ostens, über die Hindernisse politischer Gewalten hinweg, den Weg zu bereiten. Sein bedeutendster Beitrag ist wohl, daß er zugleich an das polnische Volk und an die deutschen Heimat vertriebenen das Wort richtete: Er forderte die Katholiken Polens auf, sich nicht durch politische Schlagworte verblenden und zu einem falschen Bild vom neuen Deutschland verleiten zu lassen, und er richtete an die Heimatvertriebenen die Mahnung, das Leid der Vergangenheit nicht in sich verhärten und den Ausgleich mit dem polnischen Volk nicht scheitern zu lassen.

Bei aller Würdigung der Leistung des Kardinals wäre es jedoch falsch, die Bedenken über seinen Weggang lediglich an seine Person zu knüpfen. Es bleibt ja doch die Hauptfrage, ob es sich die Kirche leisten könne, den Berliner Bischof in einer Zeit abzuberufen, in der sich mit dem angedrohten sowjetischen Separatfriedensvertrag für Pankow die vielleicht härteste Nachkriegskrise um Berlin ankündigt. Die Vakanz in Berlin dürfte kaum weniger als vier Monate dauern.

Bischof Döpfner hat noch seinen Antrittsbesuch auch bei Grotewohl machen können. Die "DDR" erkennt zwar das preußische Konkordat nicht an, dennoch räumt die Kirche aus eigenem Interesse staatlichen Stellen eine Frist ein, bis zu der sie Einwendungen gegen eine Bischofs-Esnennung erheben können. Wie wird das in Zukunft aussehen? Joachim Bölke