Roland Nitsche: Der Fortschrittsmythos wird entthront

Die Besprechung des Werkes von Müller-Armack mit dem Titel "Religion und Wirtschaft" durch Ihren Mitarbeiter hat mich keineswegs befriedigt. Sicherlich steht darin manche richtige Bemerkung. Aber das Hauptproblem, von dem schon Max Weber ausgeht, von dem sich auch Müller-Armack anregen ließ, das jeder Beschäftigung mit Kultur- und Wirtschaftsstilen vorgelagert ist und ohne das es nie zu den religionssoziologischen Deutungsversuchen, aber auch nicht zu den marxistischen Einseitigkeiten gekommen wäre, ist in der Besprechung von Roland Nitsche nicht erwähnt. Denn das Hauptproblem stellt sich mit der Frage nach den Gründen für die technische und wissenschaftliche Revolution im Abendland. Auch die Rassenideologie ist eine folgenreiche Antwort auf diese im 19. Jahrhundert überall in Europa bewußt oder unbewußt herumgeisternde Frage. Welches sind die Gründe für die überwältigende Überlegenheit der europäischen Völker in der Neuzeit auf den Gebieten der Technik und Wissenschaft, bzw. welche Triebkräfte stehen eigentlich dahinter?

In den Geschichtsbüchern der Bundesrepublik wird diese Frage nicht mit voller Deutlichkeit gestellt. Man tut so, als ob diese Entwicklung naturnotwendig eintreten mußte. Wenn überhaupt irgendwo, so müßte doch hier einmal im Unterricht die ungelöste Problematik der Geschichte, aber auch die Bedingtheit der geschichtlichen Forschung den Schülern zum Bewußtsein gebracht werden. Man wird ihnen sagen müssen, daß wir diese Frage nicht völlig bewältigt haben und wohl immer nur Teilerklärungen finden können. Die simplen Deutungen des Marxismus und Nationalsozialismus in bezug auf die einzigartige Entwicklung des Okzidents haben leider weite Verbreitung gefunden. Daran sind sicherlich die Geisteswissenschaftler nicht ganz unschuldig. Im Verhältnis zu den marxistischen und nationalsozialistischen Geschichtsdeutungen sind die religionssoziologischen Untersuchungen von Max Weber, Müller-Armack u. a. äußerst kompliziert und vielschichtig, auch wenn sie sich dem Thema von einer einzigen Seite her nähern. Sie haben wirklich nichts zu tun mit den Ideologien, die Pseudowissenschaftlichkeit zum Prinzip erheben. Bei allen ihren Mängeln und sicherlich vorhandenen Einseitigkeiten reißen sie Horizonte auf und weisen doch immer wieder auf die eine Ausgangsfrage zurück: "Welche Antriebe lösten den europäischen Fanatismus in bezug auf Weltbewältigung und technisch-wissenschaftliche Weltbeherrschung aus?"

Konrad Pilgrim, Osnabrück