Ab und zu fährt er mich an. Wenn ich, etwas höflicher und leiser, den Worthieb pariere, schleicht sich ein gemütliches Lächeln über die sonst verdrossen nach unten verzogenen Mundwinkel. Dann nimmt Herbert Wehner die Pfeife – die wievielte wohl dieses Abends? – aus den nicht sehr intakten Zähnen und trinkt mir mit einem köstlichen Trollinger zu, der vom Weingut eines CDU-Abgeordneten stammt ("Der weiß nichts davon").

Das fünfstündige Gespräch in der winzigen, kleinbürgerlichen, liebevoll gepflegten Wohnung des vielleicht mächtigsten Mannes der SPD hat temperamentvolle Höhepunkte, nimmt aber niemals eine Wendung zu unsachlicher Schärfe. Auch dann nicht, als ich meinen Gastgeber frage, warum er denn das berüchtigte, von eifrigen Bewachern unserer taufrischen Demokratie weidlich gegen ihn ausgenutzte Urteil eines schwedischen Gerichtes – zwei Jahre Gefängnis wegen angeblicher Tätigkeit für den sowjetischen Nachrichtendienst während des Krieges – nach Kriegsende nicht angefochten und seine Revision erzwungen habe. Faustschlag auf den Tisch: "Ich bin doch kein Spießer!"

Nein, ein Spießer ist Wehner ganz gewiß nicht, und es täte ihm weh, dafür gehalten zu werden. Das Halbdunkel des kleinen Wohnzimmers – die üppige Rosenhecke vor dem Fenster saugt mild das grelle Sonnenlicht auf dem Venusberg in Bonn auf – eignet sich vortrefflich zu einem Gespräch, in dem ein als Griesgram, widerborstiger Parteifanatiker, hartkantiger Marxist verschriener Politiker zwar seinen stählernen Willen, seine grenzenlose Ergebenheit an die Sache seiner Partei erkennen läßt, manches Mal aber auch, unversehens, seine weichen, fast sentimentalen Seiten zeigt. Herbert Wehner ist weder ein Eisklotz noch ein Rauhbein. Er tut bloß so. Er tut so, weil er glaubt, er könne sein in einem langen, kampfreichen Politikerleben zerfasertes, arg strapaziertes Seelenleben nur durch Barschheit, rauhe Kühle und erbarmungsloses Zuschlagen auf neugierige Gesprächspartner schützen. Er hat beschlossen, sein Leben in Abwehr, Wachsamkeit, Grantigkeit, Mißtrauen zu leben.

Das Mißtrauen sitzt tief in ihm – und er hält es für berechtigt. "Ich habe zwei Kardinalfehler gemacht sagt er. "Der eine war, daß ich als junger Mensch Kommunist wurde und der Partei unter Lebensgefahr diente – bis ich erkannte, daß sie mit uns Schindluder trieb. Der andere war, daß ich glaubte, derartiges könne in einer Demokratie verziehen werden, man könne einer Verirrung abschwören und dann als Demokrat einer Demokratie dienen. Da irrte ich zum zweitenmal. Das war so bitter, daß danach auch der Trollinger nicht mehr mundete.

Wehner ist über lange Strecken seines Lebens verfolgt und gejagt worden. Das sitzt tief in ihm. Aber er floh nicht vor seinen Verfolgern, um sich in Sicherheit zu bringen, er versteckte sich und schlug zurück. "Nach 1934 war ich der meistgesuchte KP-Illegale im Reich. Ich habe nur überlebt, weil ich ein Einzelgänger war, mich auf die oft leichtsinnigen, manches Mal nahezu kindischen Konspirationsspiele vieler Genossen nicht einlassen wollte. Ich habe Treffpunkte abgelehnt, die mir gefährlich erschienen, und Verabredungen nicht eingehalten, hinter denen ich Verrat witterte. Ich bin an Dutzenden von Fallen vorbeigekommen, in die andere hineinstolperten. Meine Wohnungen habe ich unablässig gewechselt, und ich habe sie oft auch vor meinen Kameraden geheimgehalten.

Ich wußte, was Gestapo-Foltern bewirken konnten. Als ich nach Rußland kam, schrieb ich aus dem Gedächtnis 500 Namen von illegalen Kämpfern nieder – wann, wo und wie sie hochgegangen waren. Mich hat die Gestapo nie gekriegt, aber dafür habe ich in tschechischen und schwedischen Gefängnissen gesessen und, was noch schlimmer war (nach dem Hitler-Stalin-Pakt), in Moskau befürchten müssen, gleich anderen deutschen Kommunisten an die Schergen Himmlers ausgeliefert zu werden."

Fünfhundert Namen aus dem Gedächtnis und die dazugehörige Geschichte: Dieser Mann ist ein Gedächtnisphänomen, das Gehirn analysiert eiskalt und registriert Ereignisse wie eine Elektronenmaschine. Heute noch weiß Wehner Tag, Uhrzeit, Wetter eines jeden wichtigen Begebnisses in seinem wild bewegten Leben, zwischen Berlin, Paris, Saarbrücken, Prag, Leipzig, Moskau, Malmö...