Von Ludwig Marcuse

Nachdem "Der Wendekreis des Krebses" seit Jahrzehnten im Ausland gelesen und gepriesen worden ist (Lawrence Durrell stellte ihn neben "Moby Dick" und die amerikanische Zoll-Behörde in den Giftschrank) wurde er jetzt, siebenundzwanzig Jahre nach der Pariser (und eine Zeit nach der deutschen) Ausgabe im Lande des Dichters veröffentlicht. Die New York Times und die Saturday Review of Literature empfingen das Lockere wie eine würdige Matrone. Auch die Blätter, die vor allem jene Kultur repräsentieren, die Miller seit den Zwanzigern gehechelt hat, nahmen zwar mit gequetschter Stimme, aber immerhin gottergeben von der Ankunft Kenntnis.

Kurz nach der Publikation wurde das Werk von der Beförderung durch die Post ausgeschlossen: bekanntlich die amerikanische Form der Zensur. Für Ethnologen: wir Preußen hatten auch einmal die Institution des zensurierenden Generalpostministers, in nachfriderizianischen Tagen. Was kommen wird, ist leicht vorauszusehen. Entweder: derselbe Verlag, der schon die ungekürzte "Lady Chatterley" herausgebracht hatte, gewinnt, noch bevor es zum Prozeß kommt. Oder: es werden statt einer Million Exemplare (eine Prophezeiung von Life) fünfmal soviel abgesetzt.

In einer Einleitung wird Henry Miller von dem amerikanischen Schriftsteller Karl Shapiro als "der größte lebende Schriftsteller" apostrophiert. Superlative sind dazu da, um bestritten zu werden. Nicht bestritten werden kann, daß dieser Miller einer der existentesten Zeitgenossen ist: als der Müller des Brots, das er backt – und auch vis-à-vis, in einem Zimmer. Ich habe ihn, im letzten Jahr, nur einige Minuten im Rowohlt Verlag gesprochen – und kann nicht erwarten, meinen ungestümen Landsmann (auch er hat deutsche Ahnen, und auch ich habe einige Zeit amerikanische Luft geschnappt) wiederzusehen.

Er ist noch eine ganze Menge mehr als ein saftiges Unikum. Wie Hölderlin die Deutschen beschimpft hat, so rächt Henry Miller die Menschheit an den Amerikanern: "Man mag von den Mongolen und den Hunnen reden, im Vergleich zu uns waren sie Kavaliere." Er ist der anti-amerikanischste typische Amerikaner. Vielleicht kann nur ein Europäer in den Vereinigten Staaten ganz ermessen, wie sehr dieser zornigste, aufsässigste Sohn seines Landes mit diesem Walt Whitman-Komplex und dieser verrückten Europa-Besessenheit ein unverkennbarer Yankee ist.

Abgesehen von seinem Vital-Expansiven und seinem dreißigjährigen Kreuzzug gegen das Vaterland ist er auch noch der Mann mit den "dirty words". Ich habe eine Aufstellung aller "schmutzigen Worte" vor mir, die in den amerikanischen Bestsellern dieser Jahre blühten (wer will, mag sagen: wuchern) – weshalb darf nur er nicht, obwohl seine Bücher so anspruchsvoll sind, daß sie mit "Peyton Place" und ähnlichem nicht konkurrieren können?

Drei schnelle Hypothesen seien gewagt: weil er auch noch auf das Recht an unrespektablen Worten pocht; weil sie bei ihm nicht mehr himmlisch klingen, in einer Atmosphäre von Gefühlsseligkeit (wie bei Lawrence); und weil er (wie man schon interpretierend und in diesem Falle falsch sagt) ein "Koprophile" ist und manchem nicht abgehärteten Leser Übelkeit verursacht. Alles ist da, was den Augen und der Nase und den anderen Sinnesorganen auf ihre Nerven geht. Aller Dreck ganz nackt daher: ohne griechisch-lateinische Wort-Vermummung. Er benutzt verbotene Laute nicht, um den Leser und Fräulein Leserin lustvoll zu stimulieren. Wozu denn? In der kleinen Schrift "Die Welt des Sexus" heißt es: "Das wirkliche Leben beginnt erst, wenn wir allein sind und unserem unbekannten Selbst gegenüberstehen." Und er glaubt nicht, daß dieses Unbekannte nur aus feinen Archetypen besteht.