War Kennedy in der letzten Woche noch unentschlossen, wie er auf Chruschtschows Berlin-Drohung reagieren sollte, so steht nun offenbar fest, daß er Achesons Programm nicht akzeptieren wird: Verlegung starker Einheiten nach Deutschland, und Vorbereitung eines Panzerdurchbruchs nach Westberlin für den Fall, daß die DDR den Verkehr behindern sollte.

Die Devise lautet augenblicklich: Wir sind fest entschlossen, unsere Rechte in Berlin zu wahren, aber der Zusatz "unter allen Umständen" und "um jeden Preis", der sich eine Zeitlang ganz automatisch einstellte, der ist offenbar kassiert worden. Zur Begründung sich selbst und anderen gegenüber wird gesagt, die Hauptsache sei doch, daß der alliierte und der innerdeutsche Verkehr im gleichen Umfang und unter den gleichen Bedingungen wie bisher weiterlaufe. Denn wenn dies gewährleistet ist, so heißt es, dann könne man ja wirklich nicht behaupten, daß die Situation verändert worden sei. Soweit die USA. *

In England häufen sich die Äußerungen, Anregungen, Einfälle, Vorschläge zur Berlin- und Deutschland-Frage. Sie schwellen gerade zu Kaskaden an. Im allgemeinen gehen sie davon aus, daß man auf die Dauer eben nicht um eine Anerkennung (hinzugefügt wird: natürlich nur um eine de-facto-Anerkennung) der DDR herumkomme.

Das Barometer steht zurzeit also eher auf "Verhandeln" als auf "Auftrumpfen". Und verhandeln, das kann doch wohl nur irgendeine Form von Friedenskonferenz bedeuten. Denn worüber in aller Welt sollte man wohl sonst den, zu einem Zeitpunkt, da zur allergrößten Enttäuschung der Amerikaner sich herausgestellt hat, daß die Abrüstungsgespräche praktisch gescheitert sind?

Und was tut Kanzler Adenauer just in diesem Moment? Er nagelt seine außenpolitischen Einsichten in Wahlversammlungen fest. In einer CSU-Monster-Veranstaltung in München sagte er: "Das Wichtigste in der Welt ist heute die kontrollierte Abrüstung. Was nützt ein Friedensvertrag, wenn die Mächte bis an die Zähne bewaffnet einander gegenüberstehen Wobei er gleichzeitig die einzig erreichbare Abrüstung – die atomwaffenfreie Zone – als "reinen Unsinn" bezeichnete und damit den Eindruck erweckte, daß er nur für solche Verhandlungen ist, die garantiert nicht stattfinden werden.

"Eine Super-Friedenskonferenz?", so rief Konrad Adenauer aus, "ach, um Gottes willen! Was würden die alle froh sein, zu einer solchen Konferenz zu kommen! Was würde dabei schon herauskommen?" Wie ganz und gar undiplomatisch, sich so festzulegen, den Mangel an Flexibilität so deutlich kundzutun. Früher hätte der Kanzler mit seinem geschärften Sinn für mögliche taktische Erfolge wenigstens die Chance erkannt, durch eine solche Super-Friedenskonferenz Zeit zu gewinnen. Heute sieht er seine Aufgabe allein darin, immer die gleiche Faustregel als Patentlösung zu empfehlen. Ist das auf den Wahlkampf zurückzuführen und auf seinen Wunsch, sich möglichst deutlich vom parteipolitischen Gegner abzusetzen, oder liegt dies, wie viele meinen, an seinem wachsenden Starrsinn?

Die politische Methode der Bundesrepublik hat eine verzweifelte Ähnlichkeit mit dem Rezept der südafrikanischen Regierung. Auch dort weiß man, daß der Status quo (in der Rassenfrage) nicht unbegrenzt lange aufrechterhalten werden kann; aber da man auch zu wissen glaubt, daß jede Veränderung irgendwann einmal zur Majorisierung der Weißen führen würde, hat man sich offenbar entschlossen, nicht sofort Maßnahmen zu ergreifen, sondern den Status quo so lange wie möglich, und sei es mit äußerster Gewalt, durchzuhalten. Daß dann, wenn dies nicht mehr möglich ist, alle Dämme brechen und die Katastrophe mit tödlicher Sicherheit eintreten wird, während man sie mit ein wenig mehr politischer Flexibilität wahrscheinlich vermeiden, mindestens aber so lange vor sich herschieben könnte, bis vielleicht neue Gesichtspunkte im Vordergrund stehen, das kommt den dort Verantwortlichen nicht in den Sinn.

Von außen gesehen erscheint einem diese Alles-oder-Nichts-Methode der Südafrikaner wie eine "Nach-uns-die-Sintflut-Politik". Aber es ist wohl auch viel leichter, anderer Leute Maßnahmen kritisch zu sehen als die eigenen, die man doch meist für die einzig richtigen, ja für die einzig diskutablen hält. Dff