Von Ingrid Neumann

Eine Kapitalaufstockung aus Gesellschaftsmitteln im Verhältnis 1:1,2 findet in der westdeutschen Montanindustrie gewiß nicht ihresgleichen. Aber die Aktionäre der Eisen- und Hüttenwerke AG, Köln, der Montanholding der Otto-Wolff-Gruppe, werden die Berichtigungsaktien als eine gewisse Vorausleistung ansehen müssen; denn die Aussichten für die künftigen Dividenden sind nicht gerade rosig. Zwar sind die EHW-Aktionäre auch in der Vergangenheit keineswegs verwöhnt worden (für das Geschäftsjahr 1960 bleibt die Dividende von 7 (6) vH auf das alte Kapital von 39,6 Mill. DM wiederum beträchtlich unter den in der Montanindustrie üblichen Sätzen), aber in den nächsten Jahren wird dem Unternehmen die Verzinsung des auf 88 Mill. DM mehr als verdoppelten Kapitals natürlich ungleich schwerer werden. Otto Wolff von Amerongen, der den Mehrheitseigentümer im Aufsichtsrat repräsentiert, stellte der diesjährigen Pressekonferenz über den Abschluß 1960 zwei Bemerkungen voran, die vorwiegend für die künftige Ertragslage des Konzerns von Interesse sind, und die gerade deswegen die Ereignisse des Geschäftsjahres 1960 auf den zweiten Platz verdrängen. Die schwachen Stellen der nächsten Jahre liegen bei den beiden wichtigsten Töchtern der Gruppe. Sowohl die Saar-Beteiligung, die Neunkircher Eisenwerk AG, Neunkirchen/Saar, als auch die Stahl- und Walzwerke Rasselstein/Andernach AG, Neuwied, geben der Holding-Verwaltung Anlaß zu ihren durchaus zwiespältigen Ertragsprognosen.

Bei Neunkirchen erwachsen die Schwierigkeiten aus der Sondersituation, in der sich ein saarländischer Stahlerzeuger nach der Rückgliederung befindet: Neunkirchen liefert – die Zahlen der vergangenen Geschäftsjahre die durchaus repräsentativ sind, zugrunde gelegt – etwa 33 vH seiner Erzeugung nach Frankreich, 30 vH verbleiben an der Saar und 25 vH werden in der Bundesrepublik abgesetzt. Bei den Lieferungen nach Frankreich muß das Unternehmen die dortige Produktionssteuer überspringen und bei dem – notwendigen – Eintritt in die französischen Preise erhebliche Erlöseinbußen in Kauf nehmen. Das gleiche Problem besteht auch für den Saarabsatz, der nach einem Abkommen mit den weiterverarbeitenden Werken ebenfalls zu den niedrigeren französischen Preisen verrechnet wird. Und schließlich gehen die Lieferungen an die Bundesrepublik fast ausschließlich nach Süddeutschland – Otto Wolff nannte dieses Gebiet den "diffizilsten Markt der Montanunion" –, wo die Saar im Wettbewerb nicht nur mit dem französischen Walzstahl, sondern u. a. auch den Erzeugnissen von der Ruhr, aus Österreich, der Tschechoslowakei und Ungarn steht und daher ebenfalls niedrigere Preise in Kauf nehmen muß. Die sogenannte "Herzlage der Saar im Gemeinsamen Markt" sei durchaus kein Vorteil, hieß es bei der Kölner Holding.

Vage werden auch die Aussichten bei Rasselstein beurteilt. Diese Tochtergesellschaft steht mit ihren Haupterzeugnissen, dem Weiß- und Feinblech, in einem der umstrittensten Märkte der Stahlindustrie. Das Weißblech hat – mit 30 vH des deutschen Verbrauchs – die höchste Importquote aller Walzstahlsorten, und daß die gesamte Flachstahlkapazität nicht nur im Inland in absehbarer Zeit übersetzt sein wird, pfeifen bereits die Spatzen von den Dächern. Nicht nur die Planungen, sondern die bereits in Bau befindlichen Kapazitätserweiterungen bei den Feinblecherzeugern eilen auf Jahre dem Verbrauch voraus, betonte Otto Wolff von Amerongen. Die Lage sei durch die Positionskämpfe für die kommenden Kapazitäten jetzt schon ernst, aber das Angebot des Jahres 1964 werde "furchtbar" sein! Das sind für Rasselstein, das nach wie vor über die modernste Weißblechanlage Europas verfügt, zweifelsohne nicht verlockende Aussichten. Berücksichtigt man dann noch, daß mit der in Luxemburg beantragten Erhöhung des Einflusses der August Thyssen-Hütte AG von jetzt 25 auf 50 vH des Rasselstein-Kapitals, das dann gleichzeitig um 14 auf 70 Mill. DM aufgestockt wird, der Anteil der Eisen- und Hüttenwerke am Ertrag dieser Tochtergesellschaft ohnehin kleiner wird, dann wird die leicht gedämpfte Zukunftsmusik noch verständlicher.

In der Pressekonferenz zum Abschluß 1960 wurde vom Vorstand der Holding-Verwaltung erklärt, daß die – vergleichsweise geringe – Beteiligung an der Gebr. Stumm GmbH, Neunkirchen/Saar, ungefähr die Verwaltungskosten der Konzernspitze in Köln einbringt. Daraus folgt, daß die EHW-Dividende ziemlich ausschließlich auf den beiden Beinen Neunkirchen und Rasselstein steht. Der jetzt vorgelegte Holding-Abschluß enthält – bei einem für die 7prözentige Dividende erforderlichen Reingewinn von 2,7 Mill. DM – Beteiligungserträge in Höhe von 4,5 (2,8) Mill. DM. Dazu haben allerdings lediglich die beiden Saarunternehmen beigetragen. Die erste Rasselstein-Dividende – es werden 2,9 Mill. DM vereinnahmt – erscheint erst im nächsten Abschluß. Auch der Neunkirchener Beitrag für die 61er Ertragsrechnung liegt mit rund 5 Mill. DM (für 18 Monate) bereits fest, so daß für die unmittelbare Zukunft keine Dividendensorgen bei den EHW-Aktionären auftreten sollten. Aber die Kölner Verwaltung warnte davor, sich die Ausschüttung für das laufende Geschäftsjahr bereits jetzt nach diesen Zahlen auszurechnen.

Die Frage, ob angesichts dieser recht pessimistischen Ertragsbeurteilung die Kapitalaufstockung "richtig" bemessen worden ist, hat die Verwaltung selbst ausführlich beantwortet. Vorstandsmitglied Dr. Gunther Hartmann wies zunächst darauf hin, daß es notwendig gewesen sei, das EHW-Kapital dem Charakter der Holding entsprechend in ein "angemessenes" Verhältnis zum Kapital der Töchter zu bringen. Von den 135 Mill. DM, auf die nach der jetzt vorgelegten DM-Eröffnungsbilanz das Kapital der Neunkircher Eisenwerk AG festgesetzt worden ist, entfallen 50 vH, das sind 67,5 Mill DM auf die EHW, und von Rasselstein liegen 42 Mill. DM – von 56 – im Portefeuille der Kölner Holding. Damit liegt auch das aufgestockte Grundkapital noch um 10 vH unter der Summe des Nominalkapitals der Töchter. Trotzdem sei zuzugeben, so erklärte die Verwaltung, daß der neue Mantel der EHW auf Zuwachs geschneidert sei. Aber diese Entscheidung sei immerhin für eine Reihe von Jahren getroffen worden.