Sehr geehrter Herr Kandidat!

Ich teile Ihnen mit, daß wir beschlossen haben, Ihnen unsere Stimmen zu gebep, meine Frau, ich, meine Tochter und mein Sohn. Wir besprachen dies miteinander, nachdem wir gestern Ihre Wahlversammlung besucht hatten. Vielleicht interessieren Sie unsere Gründe.

Meiner Frau gefiel Ihr eleganter Maßanzug, den sie mir dringend zur Nachahmung empfahl. Auch behauptete sie, ich würde bestimmt besser verkaufen, wenn ich mit großen Gesten redete wie Sie. (Wobei meine Frau aber außer acht läßt, daß mir mit den Fäusten zu trommeln völlig unmöglich ist, denn ich habe nie ein stabiles Rednerpult bei mir, wenn ich zur Kundschaft fahre).

Meine Tochter – sie ist in diesem Jahr zum erstenmal stimmberechtigt – findet in Ihrem Lächeln alles, was man von einem Mann erwarten kann. Meine Tochter verbringt ihre Abende vor dem Bildschirm und kennt jeden Schauspieler mit Vornamen. Frauen wählen eben mit dem Gefühl.

Meinem Sohn imponierte Ihr Programm, die Kühnheit Ihrer parteipolitischen Ziele, und vor allem machte ihm Eindruck, wie Sie Ihre Gegner k. o. schlugen und wie Sie mit hundert PS in Richtung Bonn losbrausten.

Und ich?

Sehr geehrter Herr Kandidat, ich bin ein älterer Mann. Ich finde mich mit meinem Konfektionsanzug ganz gut zurecht, das Breitwandlächeln ist mir in der Kriegsgefangenschaft abhanden gekommen, und mit Programmen, wissen Sie, bin ich allmählich vorsichtig geworden. Ich habe schon zu viele davon bewundert in meinem Leben.