900 Arbeitskräfte müßten die Chemischen Werke Hüls AG in Marl, das viertgrößte Unternehmen der chemischen Industrie in der Bundesrepublik, zusätzlich zu den 16 000 dort Beschäftigten einstellen, stände nicht im vollklimatisierten Souterrain des Verwaltungsgebäudes 1 einer der modernsten Elektronenroboter, das Datenverarbeitungssystem IBM 7070, wie die nüchterne Werksbezeichnung lautet. Statt der 900 sorgen nun 20 Mann dafür, daß die Geschäfts- und Finanzbuchhaltung ebenso wie die Materialabrechnung auf dem laufenden bleibt, die Kunden ihre Rechnungen und gegebenenfalls auch Mahnungen erhalten, das Finanzamt pünktlich seine Steuern und die Belegschaft ihren Lohn bekommt. Was sonst an Rechenarbeit anfällt, wird zwischendurch erledigt, wobei ein Fünftel der 40 Betriebsstunden in der Woche den Wissenschaftlern vorbehalten ist.

Als in der letzten Woche der neue Elektronenrechner – er ersetzt eine kleinere Anlage – auf einem Presseempfang in Betrieb gesetzt wurde, machte Rudolf Steinbock, der Leiter des Rechenzentrums, die Bedeutung dieser Rationalisierung an einem kleinen Beispiel deutlich: Für das Rechnen und Schreiben von täglich 500 Rechnungen mit je einem Produkt wären neun Arbeitskräfte erforderlich, für das Buchen und Errechnen der Provision weitere acht und für die Auswertung in der Umsatzstatistik und Erfolgsrechnung noch einmal vier. Allein auf diesem kleinen Teil der Verwaltung werden also 21 Angestellte eingespart.

In nächster Zeit werden etwa zwei Dutzend Unternehmen in der Bundesrepublik mit einem Rechensystem dieser Größe ausgerüstet sein, das in einer Minute 834 000 Additionen und Subtraktionen zehnteiliger Zahlen bewerkstelligen kann und dessen Drucker in der Stunde 36 000 Zeilen schreibt. Die Personalsorgen der Industrie werden damit allerdings nur mengenmäßig verringert, denn noch sind die Mathematiker rar, die mit diesen Geräten umgehen können, deren Betriebsstunde immerhin 3000 DM Miete kostet. Doch die IBM-Leute sindoptimistisch. "Das Auftauchen der Elektronenrechner und der Bedarf der Industrie hat das Studium der Mathematik wieder attraktiv gemacht", meinte einer von ihnen. Und fortschrittsgläubig postulieren sie: "Wir wollen, daß die Menschen durch diese Maschinen mächtiger und leistungsfähiger werden." H. M.