Von Günter Blöcker

Mitten im Kleist-Jahr wird uns ein stattlicher Band präsentiert, in welchem zusammengetragen ist, was Schillers 200. Geburtstag vor zwei Jahren der lauschenden Öffentlichkeit an preisenden und analysierenden Reden beschert hat:

Schiller-Reden im Gedenkjahr 1959; Ernst Klett Verlag, Stuttgart; 483 S., 16,80 DM.

Die Situation fordert zum Vergleich heraus. Kleist, obschon ein großer Bewunderer Schillers und namentlich im "Robert Guiskard" bis zum bewußten oder unbewußten Zitat von ihm beeinflußt, will dem Betrachter heute eher als eine Gegenkraft sowohl zu der Ideengläubigkeit als auch zu dem rhetorischen Artistentum des Carlos-Dichters erscheinen. Während Kleist in seiner Unausgesprochenheit und in seinem Dissonanzenreichtum der Deutung immer noch Aufgaben stellt, die etwas von den Abenteuern und Überraschungen einer ersten Begegnung haben, ist Schiller längst zum sicheren, allzu sicheren Besitz geworden, zum Objekt einer Huldigungspflicht, der man um so beflissener nachkommt, als man sich dabei in den gefahrlosen Bezirken literaroffiziöser Denkmalspflege befindet oder doch zu befinden glaubt.

Man sollte meinen, daß sich hierin seit den letzten großen Schiller-Jubiläen – 1905 und 1909 – einiges geändert hätte, daß wir zu einer Unabhängigkeit gelangt wären, die es uns erlaubte, dem erhabenen Gegenstand um so näher zu kommen, je entschlossener wir ihn aus der Distanz anvisieren. Thomas Manns Stuttgarter Schiller-Rede aus dem Jahre 1955, mit der Feinheit ihrer psychologischen Aspekte und dem Grundtenor heiteren Staunens über die einzigartige Vereinigung von enormem Scharfsinn, durchdringendem Kunstverstand, herrscherlichem Willen und entwaffnender Knabenhaftigkeit in Schillers Werk, hatte hier das große Beispiel gesetzt. Doch es gehört zu den Eigentümlichkeiten des deutschen Kulturlebens, daß geistige Ereignisse bei uns folgenlos bleiben. Man reagiert mit verbissenem Schweigen und werkelt – ein jeder in seinem Schrebergarten – weiter, als sei nichts geschehen. Indolenz, Ressentiment und hochmütige Nichtachtung sind mehr denn je die Wesenszeichen unseres geistigen, ganz gewiß aber unseres literarischen Daseins.

Selbstverständlich sind einige der in diesem Band versammelten Sprecher höflich genug, des illustren Vorredners mit respektvollem Hutlüften zu gedenken. Theodor Heuss tut es in seiner gemächlich dahingeplauderten Schiller-Conference. Ebenso Rudolf Hagelstange, der in diesem Zusammenhang von einer "Belebung des erstarrten Schiller-Bildes" spricht. Doch mit der pflichtschuldigen Verbeugung ist es nicht getan. Was wir meinen, ist nicht achtungsvolle Reverenz (sie sollte sich von selbst verstehen), sondern das Nutzen einer neuen Freiheit, das beschwingte Weiterschreiten durch ein Tor, das ein souveräner Geist ohne alles demonstrative Neuerertum vor uns aufstieß. Gewiß ist Thomas Mann unnachahmlich, und unnachahmlich war auch seine besondere Position, die es ihm erlaubte, von Schiller mit jener brüderlichen Intimität zu sprechen, die in einer bestimmten Höhenlage zwischen allem hervorbringenden Künstlertum waltet. Was aber zu lernen war, was hätte fortwirken können und müssen, das war das Bemühen, den Menschen Schiller und sein Werk so frisch, so unbefangen, so voraussetzungs- und vorurteilslos zu sehen, als bekämen wir beide mit jeder neuen Begegnung zum erstenmal zu Gesicht. Das eben ist ja die Fähigkeit, die den berufenen Interpreten (wie übrigens auch den großen Regisseur) ausmacht: alles von seinem Gegenstand zu wissen, im entscheidenden Augenblick der "Realisierung" aber dieses Wissen hinabsinken zu lassen ins Allgemeine, in die Tiefen des Lebensgrundes, und dem Werk Brust an Brust, Auge in Auge gegenüberzutreten, ausgestattet allein mit den Instrumenten der eigenen Empfänglichkeit und des eigenen Ausdrucksvermögens.

Solche Frische des Blicks, die nicht das Geschenk treuherziger Ahnungslosigkeit ist, sondern im Gegenteil der eindringlichen Versenkung – man bewahrt sie sich nicht, man erlangt sie! – ist in dem vorliegenden Band am ehesten bei denen anzutreffen, die nicht der Versuchung erlegen sind, das Gesamtphänomen Schiller auf ein paar handliche Formeln bringen zu wollen, sondern die sich mit einem prägnanten Teilaspekt begnügt haben. Etwa: Schiller als Erzähler (Fritz Martini), Schiller als Historiker (Golo Mann), Schillers Griechentum (Wolfgang Schadewaldt), der politische Held bei Schiller (Dolf Sternberger), die Religion Friedrich Schillers (Benno von Wiese). In solcher Abgrenzung ist immer etwas Neues, noch nicht Klischee Gewordenes zu sagen. Doch andererseits: beweisen nicht schon solche und ähnliche Themenstellungen – wer kennt sie nicht aus seiner Schulzeit? – wie befangen unser Blick ist, wie beengt unsere Phantasie, sobald wir versuchen, die von allzu blendender, allzu hoheitsvoller Idealität umflossene Erscheinung Schillers ins Auge zu fassen? Goethes vielzitierter Vorwurf "Ihr seid alle viel zu armselig und irdisch für ihn", scheint uns für immer die Unbefangenheit rauben zu wollen. Warum unternimmt es niemand, nun wirklich einmal aus der Wolkenhöhe niederzusteigen, um uns den Schöpfer des "Wallenstein" und des "Demetrius" etwa als psychologischen Dichter nahezubringen, statt hartnäckig das – vielleicht gar noch als Kompliment gemeinte – Wort von dem schwachen Psychologen weiterzutragen? Werner Kohlschmidts Beitrag "Teils Entscheidung" gibt einen Begriff davon, welche Schätze hier zu heben wären.