Die verurteilte Heilpraktikerin aus Südtondern will einen Bestseller schreiben

H. W., Flensburg

Als die II. Große Strafkammer des Flensburger Landgerichts die dreitägigen Verhandlungen gegen die 44jährige Heilpraktikerin Helma Friis-Tausendfreund aus Sande im Kreis Südtondern beendete, war keine Schlacht für oder gegen die Naturheilkunde geschlagen worden, obwohl die Angeklagte es nachträglich so auslegen wollte. Die medizinischen Sachverständigen hatten sich gehütet, in diesem Prozeß Fronten aufzubauen. Dazu war auch keine Gelegenheit gegeben. Der deutsche Heilpraktikerverband zum Beispiel hatte sich bereits vorher von seiner im nördlichsten Winkel Schleswig-Holsteins praktizierenden Kollegin distanziert. Er wollte von ihren Behandlungsmethoden genauso wenig wissen wie von ihren Diagnosen. Und deshalb trat auch niemand als Streiter für die 44jährige auf den Plan, als der schleswig-holsteinische Innenminister Dr. Lemke ihr schon vor dem Prozeß die Praxis schließen ließ. Sie praktizierte dennoch weiter – "wider Willen", wie sie in der Verhandlung angab. Sie begründete das damit, daß sie das Vertrauen ihrer Patienten nicht enttäuschen wollte.

Ein Studienrat starb

Daß sie dieses Vertrauen nun aber – doch enttäuscht hat, wurde gerade in dieser Flensburger Gerichtsverhandlung sichtbar, die Tag für Tag vor überfülltem Zuschauerraum abrollte. Es war nichtder erste Prozeß gegen die sehr selbstbewußte und von "ihrer göttlichen Sendung" durchdrungene Angeklagte. Es wird auch nicht der letzte gewesen sein. Das nächste Verfahren zeichnet sich schon ab. Es wird in einem Vierteljahr stattfinden, und auch darin geht es wie in diesem Prozeß vor der II. Großen Strafkammer um fahrlässige Tötung.

War es diesmal ein 51 jähriger an Grippe erkrankter Studienrat aus Rendsburg, dessen Tod sie nach den Feststellungen des Gerichtes verschuldet hat, so ist es im zweiten Fall der Tod eines 22 Jahre alten landwirschaftlichen Arbeiters aus Dänemark. In beiden Fällen hätten nach Auskunft der Ärzte die Patienten gerettet werden können. In der Flensburger Verhandlung stand außerdem noch ein Fall von fahrlässiger Körperverletzung zur Debatte. Helma Friis-Tausendfreund hatte bei einem an offener Tbc leidenden jungen Bauern die Tuberkulose nicht erkannt und ihm wirkungslose Tropfen gegeben. Daß er gerettet wurde, lag nur daran, daß er zwangsweise in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, nachdem bei einer Röntgenreihenuntersuchung die Tbc festgestellt worden war.

Die 44jährige "Wunderdoktorin" jedoch, die in den letzten Jahren ein Jahreseinkommen von 110 000 Mark hatte und rund 5000 bis 6000 Patienten behandelte, hüllte sich während der Verhandlung in Schweigen. Wenn sie etwas sagte, cann hing es nicht mit dem zusammen, was ihr vorgeworfen wurde. Sie reagierte auch nicht darauf, als der Vorsitzende ihr vorhielt, daß sie für jeden Patienten durchschnittlich sechs Minuten brauchte, um die Diagnose zu stellen, Verhaltungsmaßregeln zu erteilen und Medikamente zu verordnen. Genauso wenig äußerte sie sich zu den Briefen, die sie an Ärzte des Kreises geschrieben hatte und die vom Gericht vorgelesen wurden. Daß in dem Brief an den Amtsarzt des Kreises Südtondern stand: "Knien Sie in Demut nieder, beten Sie und bereuen Sie Ihre Sünden!" wurde zwar im Zuhörerraum mit Gelächter aufgenommen, sie selbst aber verzog keine Miene. Sie tat es auch nicht, als das Gericht an Hand eines anderen Briefes feststellte, daß sie einem Niebüller Lungenfacharzt "Bestialität" und "Grausamkeit" in der Behandlung seiner Patienten vorgeworfen hatte. Sie gab zu allen Anklagen keine Auskunft. Und sie verzichtete sogar auf das Schlußwort. Sie hatte zwar ein vier Schreibmaschinenseiten langes Manuskript vorbereitet, aber sie begnügte sich dann doch nur damit, festzustellen, daß sie für ihr Tun dereinst vor einem höheren Richter Rechenschaft ablegen werde.