Es ist wirklich wie in einem Märchen: Der arme Waisenbub, dessen Mutter beim frühzeitigen Tod des Vaters wieder ihren alten Beruf als Schulmeisterin in der Berggegend aufnimmt und nun ihren Sohn im höchsten Magistralamt sieht, nämlich als Mitglied der die Schweiz regierenden Kollegialbehörde des Bundesrates. Der Aufstieg war steil und stetig. Während des Krieges Leiter der Zentralstelle für Kriegswirtschaft (gewissermaßen Propagandachef der strengen Rationierung in der Eidgenossenschaft), wurde der tüchtige Jurist nach dem Krieg zum "Reisenden in Handelsverträgen", oder der Visitenkarte nach Delegierter der Schweizer Regierung zum Abschluß von Wirtschaftsabkommen. Als dann der mächtige Direktor Jean Hotz der Handelsabteilung beim Eidg. Volkswirtschaftsdepartement (lies Ministerium) in den Ruhestand trat, berief die Landesregierung Hans Schaffner, heute 53jährig, auf diesen Posten.

Um im GATT unterzukommen, mußte die Schweiz zuerst ihren Generalzolltarif aufwerten, weil sie als Niedrigzolland überhaupt keine Zugeständnisse anderer Länder hätte einhandeln können. Hans Schaffner gelang dies in relativ kurzer Zeit, und der Beitritt der Schweiz zum GATT krönte seine Bemühungen. Inzwischen aber war der Römervertrag unterzeichnet worden, an den in der Schweiz niemand richtig glaubte (vor allem auch nicht Minister Schaffner!) Der Erfolg der EWG stellte den schweizerischen Außenhandel vor schwierige Probleme und angesichts der strikten Schweizer Neutralität vor knifflige Fragen. Schaffner stellte sich resolut auf die Seite derjenigen, die das Heil Europas und der "Neutralen" in einer anderen Integrationsform als dem Gemeinsamen Markt mit seinen supranationalen politischen Bindungen suchten. Ausgehend von der OEEC und dem Europäischen Währungsabkommen, postulierte auch Schaffner eine eigentliche Freihandelszone für ganz Westeuropa. Er dachte an eine Erweiterung der Integration und vertrat ähnliche Gedankengänge wie der englische Handelsminister Reginald Maudling. Es kam schließlich nur zur Bildung der "kleinen Freihandelsassoziation" der Sieben in Stockholm (EFTA), der auch Minister Schaffner zu Gevatter stand.

Bundesrat Schaffner ist in den Nachkriegsjahren zu einer international bekannten Persönlichkeit geworden, die die Außenhandelspolitik und ihre komplexen Aspekte meisterhaft zu behandeln verstand, dabei aber bei aller Geschmeidigkeit die Interessen seines Landes fest – manchmal auch hart – zu verteidigen wußte. Als Unterhändler trat er stets diplomatisch auf, aber er verlor sein Ziel – das Landesinteresse – nie aus den Augen. Sein Aufstieg in den Bundesrat ist eine jener seltenen Ausnahmen, wo ein Schweizer nicht auf dem Wege der lokalen, regionalen, später nationalen Politik die höchsten Ämter erreicht, sondern als Chefbeamter sich durch seine überragenden Fähigkeiten auszeichnet und vom Parlament aus fachlicher Befähigung in die Landesregierung gewählt wird.

Die Wahl Schaffners zum Bundesrat hat zu einem Wechsel in der Verteilung der Ministerien geführt, indem der jetzige Volkswirtschaftsminister Prof. F. T. Wahlen (früher zweiter Generaldirektor der FAO in Rom) die Leitung der

außenpolitischen Geschäfte übernimmt, während Minister Schaffner das Eidg. Volkswirtschaftsdepartement betreuen wird. Für dieses Amt ist er wie geschaffen, besonders jetzt, wenn sich auf dem Gebiet der europäischen Wirtschaftsintegration eine deutliche Wandlung zu vollziehen beginnt. Mit einiger Besorgnis verfolgte man in Bern die englischen Schritte in Richtung EWG, und man ist sich wohl bewußt, daß eine Aufnahme Großbritanniens in den Gemeinsamen Markt eine Preisgabe der EFTA bedeuten müßte. Die europäische Freihandelsassoziation wäre um so härter getroffen, weil andere Staaten (sicher Dänemark) dem Beispiel folgen würden.

Wohin führt der Weg der Schweiz, die sich keine "splendid isolation" leisten kann, sondern als Welthandelsland keinen wirtschaftlichen Zuganschluß verpassen darf?

Die Frage ist gestellt. Eine Antwort hat kürzlich der nun ausscheidende Bundesrat und schweizerische Außenminister Petitpierre gegeben, der für die nächste Zukunft einen stärkeren Schulterschluß der "Neutralen" untereinander wünscht – gewissermaßen also eine "gemeinsame Haltung" der Schweden, Österreicher und Schweizer gegenüber der EWG für den Fall eines Verlustes von England definieren möchte. Welches wird die Idee Bundesrat Schaffners sein?