N. A., London, Anfang Juli

Eine gewaltige Flutwelle ist in Großbritannien zum Stillstand gekommen. Rasch verlaufen die Wasser, die lange Zeit die Mühle der "Unilateralisten" angetrieben haben, und zur allgemeinen Überraschung taucht darunter der britische Sozialistenführer Hugh Gaitskell wieder auf, den viele längst aufgegeben hatten.

Die "Unilateralisten" sind die Leute, die für eine einseitige atomare Abrüstung Englands eintreten. Sie waren es, die die Einheit der Labour-Partei während des Parteitages von Scarborough 1960 in Frage stellten. Damals weigerte sich der Vorstand, einen Mehrheitsbeschluß für die einseitige Abrüstung anzunehmen. Davon hat sich die Partei jetzt erholt. Gaitskell hat eine der schwersten Schlachten gewonnen, die in der britischen Politik der letzten Zeit ausgefochten wurde: Der Parteitag von Blackpool wird in diesem Herbst die Verpflichtung der NATO gegenüber anerkennen und auch die allgemeine (nicht einseitige) Abrüstung.

Seine Niederlage verdankte Gaitskell einem großen Stimmenblock, hinter dem die Gewerkschaftsführer standen, seinen Sieg der kühlen und einleuchtenden Überlegung, daß die Gewerkschaftsführer sicher nicht die Meinung aller ihrer Mitglieder vertraten. Auch nahm er an, daß der "Unilateralismus" nichts anderes sei als ein riesengroßer Gummidrachen.

Der Umschwung vollzog sich sehr schnell. Noch zu Ostern benutzten die Jungen Sozialisten ihren ersten Jahreskongreß dazu, mit einem Stimmenverhältnis von 2:1 eine Resolution gegen den Parteichef zu fassen. Ihre Devise hieß: "Weg mit Gaitskell!" Einige Delegierte forderten sogar, der Kongreß sollte nicht hinter geschlossenen Türen tagen, sondern sich an dem Protestmarsch von dem Atomzentrum Aldermaston nach London beteiligen.

Gerade dieser Marsch zeigte aber, daß sich die Stimmung inzwischen geändert hatte: Die Zahl der Teilnehmer war diesmal kleiner als im letzten Jahr. Noch im selben Monat wandte sich die Textil-Gewerkschaft gegen die einseitige Abrüstung und damit gegen jenen Standpunkt, den sie noch in Scarborough vertreten hatte. Andere Gewerkschaften schlossen sich an.

Die Nadel, mit der Gaitskell die Luft aus dem Gummidrachen herausließ, war die von ihm gegründete CDS, die "Kampagne für einen Demokratischen Sozialismus". Diese Organisation, die 1960 im Anschluß an die Niederlage des Parteivorstandes gegründet worden war, hatte nur ein Ziel: den Ansichten der Majorität der Parteimitglieder Geltung zu verschaffen.