Intelligenz Verstärker und elektronische Propheten

Von Thomas von Randow

So menschenähnlich uns auch die elektronischen Geräte anmuten, die logisch denken, lernen und Spiele gegeneinander austragen, eines können sie noch nicht: sich Veränderungen in ihrer Umwelt anpassen. Eine kleine Spannungsschwankung, der Ausfall auch nur eines Einzelteils, ein geringfügiger Fehler in ihrer Programmierung oder eine Anforderung, die der Konstrukteur nicht vorgesehen hatte – schon sind die Maschinen aus ihrem Konzept gebracht. Lebewesen dagegen stellen sich auf neue Situationen ein: Sie erhalten ihre normale Körperwärme unabhängig von äußeren Temperaturschwankungen; ihre Augen passen sich hell und dunkel an; sie kompensieren den Ausfall von Teilen ihres Organismus; zahllose Regel-Mechanismen sorgen dafür, daß die Gleichgewichtslagen, ohne die jegliches Leben undenkbar wäre, erhalten bleiben.

Im Vergleich dazu sind Elektronengeräte unbeholfen und lebensfremd. Was lag näher als der Gedanke, diesen Mangel zu beheben? Genau darum bemüht sich Professor McCullochs Laboratorium für Bionik an der Technischen Universität von Massachusetts. Die Bioniker versuchen, die Funktionen biologischer Systeme zu analysieren und sie mechanisch nachzuahmen – das heißt: sie auf Maschinen zu übertragen. Eine Fähigkeit der belebten Organismen interessiert die Forscher dabei vor allen anderen: die Filterung von Sinneseindrücken. Aus einem Gemisch von Geräuschen hört der Mensch nur das heraus, was er für wesentlich hält. Lebewesen richten ihr "Augenmerk" auf die lebenswichtigen Dinge. Zwar nimmt das Auge Bedeutsames und Unbedeutendes in gleicher Weise auf, was aber wirklich wahrgenommen wird, was also dem Gehirn zur Datenverarbeitung mitgeteilt wird, ist stets nur jener Teil des Gesamteindrucks, der im Augenblick interessant ist. Das Beiläufige wird abgefiltert.

Es quakt im Labor

Der Frosch filtert seine Sinneseindrücke sehr rigoros. Was sich nicht bewegt, interessiert ihn nicht – er würde inmitten einer Fülle von regungslosen Insekten verhungern. Das Herannahen seiner Feinde erfaßt er nur optisch. Seine Flucht-Reaktion ist ziellos – als Amphibientier ist es ihm gleich, ob er auf einer Seerose oder im Wasser landet. Er hört nur auf die Laute seinesgleichen. Das alles macht ihn für die Bionik besonders interessant, weil sich sein verhältnismäßig grober Auswahlmechanismus leicht analysieren läßt. Kein Wunder daher, daß in McCullochs Labor eine Legion von Fröschen hopst und quakt: Ihr Geheimnis soll ihnen entrissen und in den Dienst der Maschinen gepreßt werden.

Maschinen, die ihre Sinneseindrücke wie der Frosch filterten, könnten Schriftzeichen erkennen und gesprochene Informationen verstehen. Sie könnten in einem künstlichen Satelliten dafür sorgen, daß nur jene Daten mitgeteilt werden, die für den Forscher von Bedeutung sind. Auch könnten sie helfen, zwischen einem Wal und einem feindlichen U-Boot zu unterscheiden, – ein Problem, das bei der heute verwendeten SONAR-Lotung noch nicht gelöst ist.