Nichttrinker sind – nach dem Sprachgebrauch – keineswegs Leute, die nichts trinken, sondern lediglich Leute, welche keine alkoholischen Getränke zu sich nehmen. Wenn ein Philologe einmal darüber nachdenken würde, was so ein Nichttrinker den ganzen Tag über trinkt – angefangen bei dem Glas Tomatensaft, das morgens bereits keusch auf seinem Nachttisch steht, über Ypsilons Frühstückstee und die unvermeidliche Sirenen-Quelle zu den Gelben – und andern Rübencocktails des Tages – müßte selbst ihm auffallen, daß es Unsinn ist, so etwas als Nichttrinker zu bezeichnen.

Wir Trinker – ich will damit sagen: wir Alkohol-Normalverbraucher, die wir in einer kühlen, dämmrigen Wirtsstube einem guten Schoppen Terlaner nicht abhold sind und auch sonst ein schönes schäumendes Bier und einen handfesten Schnaps ohne Oberwindung in uns hineinzugießen vermögen – wir haben zu den sogenannten Nichttrinkern keine erwähnenswerte Beziehung. In der Reihe der Dinge, die uns "wurscht" sind, stehen sie nicht an letzter Stelle; das ist alles, was wir für sie tun können.

Es könnte der Eindruck entstehen, daß wir undankbar sind. Denn andererseits bringen sie, die Nichttrinker, uns die ausgesuchteste Aufmerksamkeit, ja ein fast zärtliches Interesse entgegen. Am liebsten laden sie uns zum Essen ein. Ehe wir uns versehen, kauen wir an Grünkernschrot und einer Scheibe roher Sellerie. Und wenn der Hausherr sein Glas gegen uns erhebt, erscheint über der gesunden Fröhlichkeit des Tafelwassers ein überwältigendes Lächeln in seinem Gesicht. Wir lächeln betreten zurück und bringen artig das Kompliment auf die neue Musiktruhe aus, die unauffällig in unserem Blickfeld seit einer Stunde "Aida" spielt.

Dagegen pflegen die Gegenbesuche der Nichttrinker bei uns zu einer Zeit zu erfolgen, da wir bereits in Hut und Mantel auf, dem Sprung zu unserem angestammten Früh- oder Dämmerschoppen sind. Sie kommen "nur eben rasch" bei uns vorbei. Überglücklich, uns anzutreffen, nehmen sie mit feierlicher Umständlichkeit auf der Kante unseres einzigen Polstersessels Platz. Wir sehen vor unserem geistigen Auge, gelähmt wie in einem Alptraum, die Stunden entrinnen, Gläser sich leeren, Fässer versiegen, Kumpane auseinanderlaufen, Kneipen schließen und schlucken ein paarmal leer, während ein treuherziges Augenpaar uns offenbar mit Wohlwollen bestreicht und eine samtene Stimme Geplauder rieselt. Wir erfahren Einzelheiten der neuen Zwiebelernte, eine überaus heitere Geschichte von Molly, dem Schäferhund, und ach – wußten Sie das schon: Der alte Schuster ist auch gestorben, ein gräßliches Ende, Leber, nichts mehr zu machen; im Vertrauen, manche Leute behaupten, er betrank sich zuweilen. – Wir erwachen für einen Augenblick, denn jetzt klingt die Stimme nicht mehr wie Samt, sondern ein bißchen nach Rupfen. Nach einer Ewigkeit oder dem, was uns als das erschien, schreitet der Besuch von dannen – nicht ohne Zurücklassung eines Kartons Weizenkeks aus dem Reformhaus, die wir unbedingt versuchen sollen.

Kein Wort wider die Nichttrinker. Manchmal, wenn wir allein sind, in einer stillen Stunde und vielleicht nicht bei Weizenkeks,aber bei einer guten Flasche Wein über uns und das Leben nachdenken, dann fällt unser innerer Blick – nicht ohne Rührung – auf sie. Der Wein ist gut. Wir sitzen in unserem Sessel und nehmen einen Schluck, und er liegt uns sauber und gut auf der Zunge; drei Mark achtzig die Flasche, denken wir, etwas schuldbewußt, aber wir verheddern uns bei dem Versuch, dies als Währungseinheit etwa einem Flug nach den Antillen zugrunde zu legen. Indessen ist morgen die Gasrechnung fällig. Aber der Wein ist gut.

Wir denken auch an unsere Leber. Sicherlich liegt unsere Leber, schwarz, verborgen und bereits ein bißchen angeschwollen, irgendwo in einer unbestimmbaren Gegend unseres, Körpers, wir fühlen, manchmal einen kleinen Stich dort, der uns an die Vergänglichkeit erinnert. Aber der Wein ist gut, und wir denken auch an die Nichttrinker: Was wäre unser Leben ohne sie? Was wäre unser Leben ohne das Bewußtsein, das sie uns vermitteln, das der Unvollkommenheit, des Mangels, der Vermessenheit? Was wären wir ohne den bitter-süßen Selbstvorwurf, ein Mensch zu sein? Und wir nehmen, auf ihr Wohl, noch einen Schluck von dem köstlichen Wein.

Katherina Langen