Von Johannes Jacob

Für Festspiele im Freien gibt es "höhere Gewalt". Wie die Moira, das übermächtige Schicksal, über den antiken Göttern waltet, so herrscht über die künstlerische Regie im Freilufttheater das Wetter. Mit ihren ersten beiden Premieren wurde die neue Ära der Festspiele in Bad Hersfeld vom Himmel begünstigt. Die tausendjährigen Mauern der romanischen Stiftsruine waren noch von Sonne durchglüht, als das "Große Welttheater" begann (ZEIT Nr. 28). So drückend lastete die Tageshitze auch am zweiten Abend über den zweitausend Köpfen in der himmeloffenen Basilika, daß der Beginn von Shakespeares "Sommernachtstraum" um eine Viertelstunde hinausgezögert wurde. Eine richtige Sommernacht bildete die halluzinierende Atmosphäre für den Dichtertraum von Sinnesverwirrung, wenn die Dämonen der Mittsommernacht ihr Spiel mit den Menschen treiben.

Eine Woche später begann das "Spiel um Job" von Archibald MacLeish jedoch bei nieselndem Regen. Das Vorspiel der beiden ausgedienten Komödianten, die unter einem leeren Zirkuszelt allein die Wette zwischen Gott und Satan um die Seele des reichen Hiob darstellen wollen, dieses merkwürdige Präludium einer modernen Theodizee war noch nicht beendet, als die Lichter erloschen und die Zuschauer zum Umzug ins "Zelt" nebenan aufgefordert wurden.

Was sich dort dann programmgemäß abspielte, enthielt den Text des geplanten, Stückes. Aber er war nicht zu vernehmen, so laut prasselten die Regengüsse aufs Zeltdach. Die Schauspieler brüllten aus Leibeskräften und zerschrien, um sich nur halbwegs verständlich zu machen, wohl oder übel die Inszenierung Kurt Ehrhardts. Von "Festspiel" keine Spur mehr. Eigentlich hätten die malträtierten Besucher ihr festspielhaft hohes Eintrittsgeld zurückverlangen müssen. Solch ein Vorstellungsersatz, obwohl "höhere Gewalt" im Spiele war, grenzt an ungewollten Betrug.

Glimpflicher ging tags darauf die vierte Premiere vonstatten: die "Orestie" von Aischylos. Der Regen hatte rechtzeitig aufgehört. In Decken gepackt, kühl bis ans Herz hinan, vernahmen die Zuschauer eine Digest-Fassung der drei antiken Dramen "Agamemnon", "Die Choephoren" (Das Totenopfer), "Die Eumeniden" – von Walter Jens glatt übersetzt und dramaturgisch auf Abendlänge gebracht, vom Regisseur Franz Reichert nochmals gekürzt: 130 Minuten Atriden-Story, pausenlos, edel phrasiertes Altertum, kalte Pracht.

Gleichwohl ist in Bad Hersfeld ein innerer Umschwung sichtbar geworden. William Dieterle, der neue Festspielintendant, hat den Spielplan erweitert und hat Mut zum Experiment bewiesen. Außerdem möchte er, wie schon erkennbar wurde, das Darstellerensemble homogener zusammensetzen. Beides ist löblich, wenn auch erst ein Anlauf genommen wurde. Der außerordentliche Schauplatz, das monumentale Bauwerk als mitspielender Rahmen, und das Ansehen, das Bad Hersfeld als Festspielstadt dem reinen Wortdrama in zehn Jahren erworben hat, rechtfertigen den entschlossenen Zugriff Dieterles. Man wird ihm Zeit geben müssen (und einen adäquaten Innenraum für verregnete Vorstellungen). Denn Dieterle hat eine Konzeption, obwohl er sie nicht als Programm verkündete.

Der bedeutsamste Schritt über den sakralen Werkkreis hinaus wurde mit dem Einzug der Komödie getan. In Bad Hersfeld darf nun auch gelacht werden. Während des "Sommernachtstraums" erhob sich wiederholt Szenenapplaus. Folgerichtig hätten sich nach dem Schlußbeifall die Schauspieler verbeugen müssen.