DIE ZEIT

Des Kanzlers Faustregel

War Kennedy in der letzten Woche noch unentschlossen, wie er auf Chruschtschows Berlin-Drohung reagieren sollte, so steht nun offenbar fest, daß er Achesons Programm nicht akzeptieren wird: Verlegung starker Einheiten nach Deutschland, und Vorbereitung eines Panzerdurchbruchs nach Westberlin für den Fall, daß die DDR den Verkehr behindern sollte.

Die kluge Lobby

Mit der ganzen Dynamik, die dem Bundesverteidigungsminister nun einmal eigen ist, zog er aus, der Korruption zu Leibe zu rücken.

Kirchentag ohne Protestanten?

Düster und drohend sind die Vorzeichen des 10. Evangelischen Kirchentags in Berlin. Der Ostberliner Polizeipräsident hat „im Interesse der Gewährleistung von Ruhe und Ordnung und zur Sicherung des Friedens“ Veranstaltungen im Sowjetsektor der Stadt verboten.

Rote Front hat Risse

Ist der alte Riß zwischen Rotchina und der Sowjetunion, der vor einem halben Jahr erst mühselig gekittet worden ist, von neuem aufgebrochen? Die Meldungen und Spekulationen nehmen kein Ende, und sie stützen sich nicht nur auf das angebliche Rundschreiben Chruschtschows an die kommunistischen Parteien, das Isaac Deutscher in der Londoner Sunday Times veröffentlicht hat.

Wettlauf der Waffen

Chruschtschow verzichtete diesmal darauf, seine Generalsuniform anzulegen, aber seine Rede vor den Absolventen der sowjetischen Militärakademie klang deswegen nicht minder militant: Er läßt das Rüstungs-Budget der UdSSR um ein Drittel (auf 12,4 Milliarden Rubel) erhöhen und hat ferner die geplante Reduzierung der Sowjetstreitkräfte von 3,6 Millionen auf 2,4 Millionen Mann „vorläufig aufgeschoben“.

Bewundert viel und viel gescholten

Hat der Präsident des Bundestags wirklich geglaubt, das strahlende Bild der Einmütigkeit werde auf die Dauer erhalten bleiben, als ihm vor vierzehn Tagen alle Seiten des Bundestags begeistert zustimmten? Achtundvierzig Stunden später mußte er den Tadel der Oberen seiner Partei hinnehmen.

Ulbricht jubelte zu früh

Am 1. Oktober 1959 fiel in Pankow der Startschuß zu einem Wirtschafts-Wettrennen gegen die Bundesrepublik: Bis Ende 1961 wollte die Sowjetzone den Lebensstandard Westdeutschlands überflügeln.

Zeitspiegel

„Seit dem Beginn der Berlin-Krise hat sich (in Washington) die Hälfte der Beamten darauf konzentriert, das Volk wachzurütteln, und die andere, Hälfte hat sich darauf konzentriert, das Volk zu beruhigen.

Der „Berliner Kardinal“

Alle die Glückwünsche, die der neue Erzbischof von München und Freising, Julius Kardinal Döpfner, in diesen Tagen erhalten hat, haben die Enttäuschung der Berliner nur vergrößert – eine Enttäuschung über den Weggang des Kirchenfürsten, die als Bedauern auch in nichtkatholischen Kreisen geteilt und von politischen Bedenken begleitet wird.

Gaitskell blieb Sieger

Eine gewaltige Flutwelle ist in Großbritannien zum Stillstand gekommen. Rasch verlaufen die Wasser, die lange Zeit die Mühle der „Unilateralisten“ angetrieben haben, und zur allgemeinen Überraschung taucht darunter der britische Sozialistenführer Hugh Gaitskell wieder auf, den viele längst aufgegeben hatten.

Lohnt es sich, FDP zu wählen?

Im Wahlkampf 1957 hießen die Kanzlerkandidaten Adenauer, Ollenhauer – und Reinhold Maier. Hätte damals keine der beiden Hauptparteien – CDU/CSU und SPD – bei den Bundestagswahlen mehr als 50 Prozent der Mandate erhalten, dann wäre der FDP die entscheidende Rolle bei der Bildung einer Regierungskoalition zugefallen: Sie hätte sich nach Belieben einen Regierungspartner wählen können.

Stille an der Satelliten-Front

Die ungarische Revolution vom Oktober–November 1956 war etwas wie eine historische Wasserscheide. Der Westen versagte; die Regierung Eisenhower‚ die bis zum Hals im Wahlkampf stand, erhob nicht einmal ihre Stimme, um Ungarns Neutralität und seinen Austritt aus dem Warschaupakt zu unterstützen, die der unabhängig-kommunistische Ministerpräsident Imre Nagy verkündet hatte.

Erfindungen

Neuartig an dem transportablen Reaktor, der kürzlich auf dem Versuchsgelände in Idaho Falls (USA) fertiggestellt wurde, ist der geschlossene Gaskreislauf.

Homo ex machina

So menschenähnlich uns auch die elektronischen Geräte anmuten, die logisch denken, lernen und Spiele gegeneinander austragen, eines können sie noch nicht: sich Veränderungen in ihrer Umwelt anpassen.

„Hurra für die N-Bombe“

„In den letzten Tagen ist viel darüber geredet worden, ob die Vereinigten Staaten eine Neutronen-Bombe bauen sollen. Wenn ich es richtig verstehe, dann unterscheidet sich diese Neutronen-Bombe radikal von allen Kernwaffen, die es gegenwärtig gibt.

Jerrie Cobb – der „dritte Mann“

Dreiecksverhältnisse – so haben wir es aus Filmen und Romanen gelernt – nehmen selten ein gutes Ende. Zwei Männer und eine Frau, womöglich allein in einem Boot – da muß ja schließlich die schicksalsschwere Erkenntnis dämmern: Einer zuviel an Bord.

Richtung Zukunft

Sie drängten sich auf der Mole und trieben ihre zottigen, braungelben Schafe mit ungeduldigen Rufen in das dunkle Loch des Schiffsbauches, Ungeduldig, denn die „Agatha“ legte schon nach zehn Minuten auf Ithaka wieder ab.

JEAN-PAUL SARTRE

Ein Gespräch über Brecht, Beckett, Arthur Miller und Tennessee Williams – Fallstricke und Vorzüge der Psychologie – Gelangen wir zu neuer Einfachheit?

Die Jugendliteratur geht an Krücken

Am 2. Juli ist in Frankfurt zum sechstenmal der Deutsche Jugendbuchpreis verliehen worden. Den Kinderbuchpreis erhielt Michael Ende: „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ (Thienemann), den Sonderpreis für die beste Neubearbeitung klassischer Kinder- und Jugendbücher: Paul Alverdes/Cooper: „Wildtöter“ (Obpacher).

Ist die Medizin eine Wissenschaft?

Die jüngste Zeit bescherte uns gleich zwei Strafprozesse, in denen das Zeug steckt, dem Nimbus der Wissenschaft und der Professoren einen fühlbaren Stoß zu versetzen.

Mein Bild

über5000 Jahre alt, mit den Händen geformt, aus der Erde wieder aufgestiegen, bewahrt dieses Gefäß seine ungebrochene Ausstrahlung.

Terroristen und Touristen

Touristen können ohne weiteres eine ganze, früher stille und friedliche Landschaft terrorisieren. Aber neuerdings bekommen sie es heimgezahlt! In einigen der schönsten Touristentummelplätze Europas sind die Touristen zu Opfern der Terroristen geworden.

Teufelswerk Volkszählung

Als nämlich König David sich’s einfallen ließ, die Kinder Israels zu zählen, eine Volkszählung also zu veranstalten, erwuchs greuliches Unheil daraus, dessen Bericht in der Bibel mit den düsteren Worten anhebt: „Der Teufel stand gegen Israel auf und reizte David, daß er Israel zählen ließe.

Kleiner Kunstkalender

Die Kunsthalle wurde nach neun Monaten Umbau wieder geöffnet, Die pompöse Eingangshalle mit den düsteren Holztoren ist hell, modern geworden, mit neuen Ausstellungsflächen und einem Rundgang im ersten Stock, wo die Kunst der Gegenwart untergebracht ist.

Wenig und schlecht...

Die Leiter des Internationalen Schulbuchinstituts in Braunschweig haben es nicht leicht, auf ihren nahezu jährlichen Tagungen in Verbindung mit verschiedenen Ländern nach angestrengten Diskussionen ein Ergebnis in die Hand zu bekommen, das dann nur in die Wirklichkeit umgesetzt werden muß.

Zeitmosaik

Mit Mozarts seit ungefähr 1780 vergessener Oper „Thamos, König in Ägypten“ (Leitung Joseph Keilberth) werden am 13. August die Münchner Festspiele beginnen, die bis zum 9.

10 Jahre sind keine Zukunft

Mit dem Tode Arnold Schönbergs, der in der Nacht zum 14. Juli 76jährig in Los Angeles die Augen schloß, ist nun auch seine Schöpfung in die „Historie“ eingegangen und den Erben anheimgegeben, wie vor zwei Jahren das Werk Hans Pfitzners und Richard Strauß‘.

Der Verlorene Vater

Nachdem „Der Wendekreis des Krebses“ seit Jahrzehnten im Ausland gelesen und gepriesen worden ist (Lawrence Durrell stellte ihn neben „Moby Dick“ und die amerikanische Zoll-Behörde in den Giftschrank) wurde er jetzt, siebenundzwanzig Jahre nach der Pariser (und eine Zeit nach der deutschen) Ausgabe im Lande des Dichters veröffentlicht.

Wochenende eines Vollbeschäftigten

Daß ein gutes Buch nur zu oft einen schlechten Film ergibt, ist hinlänglich bekannt, aber wenn ein guter Streifen aus einem Buch herauskommt, dann kann das Buch einfach nicht schlecht sein.

Schreiben kann jeder

Es gibt die berühmten Doppelbegabungen, denen der Pinsel so gehorsam war wie das Wort: Michelangelo oder Stifter oder E. T. A.

Zu empfehlen

ES ENTHÄLT in sieben umfangreichen Kapiteln – Sagenhaftes Frankreich, Römisches Erbe, Romanische Zeit, Herren und Herrschaften, Gotik, Grand Siècle, Französisches Land – sieben verschiedene Frankreichbilder, sieben Liebeserklärungen an Frankreich.

Zeilupe: Die „Tour“ als Tortur

Ein großes Sportereignis, die „Tour de France“, geht zur Zeit in sogenannter „Aufzeichnung“, täglich spätabends über die deutschen Bildschirme.

Wimbledon in der Eurovision

In einer Eurovisions-Sendung konnte diesmal auch der Tennisliebhaber auf dem Kontinent die 75. „All England championship“ in Wimbledon weitgehend miterleben.

„Zen” und der „zweite Weg“

Die deutschen Meisterschaften im Bogenschießen, die am letzten Wochenende in München stattfanden, hatten, wie erwartet, kein größeres Publikum angelockt.

Fernsehen: 20. Juli – Vorwand für einen Reißer?

Vorläufig weiß man zuviel und zuwenig von den Rebellen, um ihnen als Figuren auf der Bühne oder im Film zu begegnen. Die bisherigen, übrigens recht achtbar bemühten filmischen Versuche in dieser Richtung sind da in ihrer historischen Ungenauigkeit und biographischen Indiskretion, ihrer politisch-moralischen Thesenhaftigkeit und kriminalistischen Dramaturgie ziemlich abschreckende Beispiele.

Film: „Der Bucklige von Rom“

Il Gobbo, der Bucklige, Protagonist dieses Films, sei eine „typische Rebellennatur“, heißt es im Presseheft des Verleihs. Regisseur Carlo Lizzani wird das nicht wahrhaben wollen.

In Bad Hersfeld darf gelacht werden

Für Festspiele im Freien gibt es „höhere Gewalt“. Wie die Moira, das übermächtige Schicksal, über den antiken Göttern waltet, so herrscht über die künstlerische Regie im Freilufttheater das Wetter.

Theater

Das Lustspiel, das einst zu den klassischen Exemplaren seiner Gattung in Deutschland gezählt wurde, dann aber in den Hintergrund geriet, erwies unverminderte Zugkraft in einer Inszenierung von Dietrich Haugk.

Einer schafft für 900

900 Arbeitskräfte müßten die Chemischen Werke Hüls AG in Marl, das viertgrößte Unternehmen der chemischen Industrie in der Bundesrepublik, zusätzlich zu den 16 000 dort Beschäftigten einstellen, stände nicht im vollklimatisierten Souterrain des Verwaltungsgebäudes 1 einer der modernsten Elektronenroboter, das Datenverarbeitungssystem IBM 7070, wie die nüchterne Werksbezeichnung lautet.

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