Die jüngste Zeit bescherte uns gleich zwei Strafprozesse, in denen das Zeug steckt, dem Nimbus der Wissenschaft und der Professoren einen fühlbaren Stoß zu versetzen. Im sogenannten Rohrbach-Prozeß in Münster lag das Problem mehr im menschlichen Versagen, im Verstoß nicht hinreichend kritischer Gutachter gegen die strengen Gesetze ihres eigenen Metiers. Dagegen werden im Ringberg-Prozeß gegen den Krebsarzt Dr. Issels, bei aller Behutsamkeit des Gerichtes und der Staatsanwaltschaft, die Fundamente der medizinischen Wissenschaft in Frage gestellt, indem sich der alte Streit zwischen "Schulmedizin" und Außenseitern hier zu einer bisher kaum erlebten Grundsätzlichkeit verdichtet.

Wenn der hochangesehene Kölner Internist Professor Schulten vor Gericht aussagt, daß wohl auch ein Weltärztekongreß kein abschließendes Urteil über den Wert der zur Verhandlung stehenden Heilmethoden fällen könnte, so mag mancher Beobachter sich fragen, ob die Medizin noch als Wissenschaft oder nicht viel eher als eine Art Weltanschauung anzusehen sei. Er mag sich weiterhin fragen, zu welch abseitigen Methoden ein Heilkundiger greifen muß, um unter diesem Aspekt von einem Gerichtguten Gewissens, der Kurpfuscherei überführt werden zu können.

Tatsache ist, daß die Medizin ihre größten Erfolge in der Epoche erringen konnte, in der sie ihre Aufgaben mit den Mitteln der modernen Naturwissenschaft zu bewältigen suchte. Diese Erfolge waren so eindrucksvoll, daß man heute vielfach die ganze Heilkunde als einen Zweig der Naturwissenschaften betrachtet. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß der historische und sachliche Ansatz allen ärztlichen Bemühens der Kampf gegen Krankheit und Tod ist und nicht etwa, wie beispielsweise in der Physik, das Streben nach Erkenntnis auf dem Gebiet der materiellen Wirklichkeit. Naturwissenschaftliches Erkenntnisstreben hat der Medizin mächtige Waffen in die Hand gegeben und ihr zu einem großartigen Siegeszug verholfen, dessen Stationen jedermann geläufig sind. Dennoch wird es auch in der naturwissenschaftlichen Periode der Medizin kaum gelingen, ihre Aufgaben endgültig zu lösen, das heißt, Krankheit und Tod aus der Welt zu schaffen.

Und somit wird es wohl für alle Zeiten zum Alltag des Arztes gehören, daß er "mit seiner Wissenschaft am Ende", aber längst nicht der Aufgabe enthoben ist: zu helfen, zu lindern und, Wo möglich, auch zu heilen.

Hier tut sich ein weites Feld für Erfahrungsheilkunde und Suggestivmethoden auf, eine Fülle möglicher Maßnahmen, deren Wirksamkeit oft nicht bestritten werden kann, die aber dennoch keiner Überprüfung mit der Elle seriöser Wissenschaft standhalten.

Zwangsläufig gliedert sich also auch die Schulmedizin in einen wissenschaftlich geordneten und fundierten und in einen mehr amorphen, auf Erfahrung und Überlieferung beruhenden Teil. Aus dieser in der Natur der Sache liegenden Dissonanz leiten die Außenseiter der Heilkunst ihre Rechtfertigung her.

In der Tat sind die Verordnungen manches Außenseiters, sei er nun Laie oder Arzt, nicht viel unvernünftiger als das eine oder andere, womit der Universitätsprofessor seine erlesensten Privatpatienten traktiert. Worauf es letztlich ankommt, ist allein die volle Kenntnis und Ausschöpfung zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Methoden der Krankheitserkennung und -behandlung. Daß er gerade dieser Forderung im allgemeinen nicht wird genügen können, ist der einzig stichhaltige Einwand gegen den Laienbehandler, so gut seine Außenseitermethoden dem einen oder anderen Patienten helfen mögen. Daß es bisweilen auch Ärzte gibt, die über die Möglichkeiten der modernen Medizin nicht hinreichend, unterrichtet sind, ist weder kennzeichnende für Schulmediziner noch für Außenseiter, sondern eine bedauerliche menschliche Schwäche, die auch anderen Berufsständen nicht fremd ist.