interviewt von Kenneth Tynan

Ein Gespräch über Brecht, Beckett, Arthur Miller und Tennessee Williams – Fallstricke und Vorzüge der Psychologie – Gelangen wir zu neuer Einfachheit?

Anderthalb Stunden lang unterhielt sich KennethTynan, heute Englands berühmtester Theaterkritiker, unlängst mit Jean-Paul Sartre, heute Frankreichs berühmtestem Philosophen und Dramatiker. Wir drucken im folgenden den Schluß dieses Interviews ab. Im ersten Teil war das Gespräch um modernes Theater im allgemeinen und Sartres Stück "Die Eingeschlossenen" im besonderen gegangen. "Ein modernes Stück, das ‚rechts‘ und gut ist, kann ich mir nicht denken" – diese These hatte Sartre am Ende der ersten Hälfte des Gesprächs aufgestellt.

TYNAN: Welchen zeitgenössischen Dramatiker schätzen Sie am meisten?

SARTRE: Unbestreitbar Brecht, obwohl er tot ist – und trotz der Tatsache, daß ich seine dramaturgischen Mittel nicht benutze und seine künstlerischen Prinzipien nicht die meinen sind. Und dann, auf einer anderen Ebene, manche Stücke von Genet. Sein Werk ist ein Spiel mit Spiegelung und Widerspiegelung, sehr schön und sehr bezeichnend für seine Zeit.

TYNAN: Sie sagten einmal, daß für Sie das bedeutendste Stück seit 1945 "Warten auf Godot" sei.

SARTRE: Das stimmt. Becketts andere Stücke gefallen mir weniger, vor allem das "Endspiel", dessen Symbolik ich viel zu aufgeblasen und aufdringlich finde. Und obwohl "Godot" ganz gewiß kein Stück der Rechten ist, steht es für einen universalen Pessimismus, an dem die Leute der Rechten Gefallen finden. Darum bewundere ich es zwar, aber ich habe auch meine Vorbehalte. Gerade weil mir sein Inhalt in gewisser Weise fremd ist, muß ich es jedoch um so mehr bewundern.