Dreiecksverhältnisse – so haben wir es aus Filmen und Romanen gelernt – nehmen selten ein gutes Ende. Zwei Männer und eine Frau, womöglich allein in einem Boot – da muß ja schließlich die schicksalsschwere Erkenntnis dämmern: Einer zuviel an Bord. Just diese Dreier-Kombination, die hienieden auf Erden soviel Unheil angerichtet hat, scheinen einige amerikanische Wissenschaftler für die ideale Raumfahrt-Mannschaft zu halten. Die Frau, im irdischen Dreieck das Sturmzentrum, werde im Kosmos – so meinen die Verfechter dieser Theorie – Ruhe und Zuversicht ausstrahlen und für eine harmonische Stimmung sorgen.

Freilich, eine solche Frau muß gewiß einer seltenen Spezies angehören. Ist es nicht schon schwierig genug, Männer zu finden, die den gewaltigen Belastungen der Raumfahrt gewachsen sind? Und nun auch noch eine Frau, eine Frau überdies, die auf ihren eigentlichen Beruf verzichtet, Unruhe zu stiften? Gibt es so etwas überhaupt? Doktor W. Randolph Lovelace, Direktor eines Forschungszentrums für Raumfahrt in Albuquerque, Neumexiko, glaubt daran. Und sein lebender Beweis ist die dreißigjährige Miß Jerrie M. Cobb.

Zwanzig amerikanische Pilotinnen hatten sich bei Dr. Lovelace angemeldet, um dort die Eignungsuntersuchungen für die Raumfahrt zu absolvieren. Jerrie Cobb hat diese grausamen Torturen als erste bestanden, und zwar so glänzend, daß sogar die Gewaltigen der NASA, der amerikanischen Weltraumbehörde, die junge Dame näher ins Auge faßten und sie nach Washington baten. Es scheint fast, als ob es Jerrie Cobb gelingen könnte, die erste amerikanische Astronautin zu werden, wenn nicht gar die erste Astronautin überhaupt, sofern ihr da nicht eine sowjetische Rivalin zuvorkommt.

Hoch hinaus wollte Jerrie immer schon. Als Zwölfjährige hatte sie ihren Vater, einen Luftwaffenoffizier, dazu überredet, ihr das Fliegen beizubringen. "Vater, band ein dickes Holzstück auf das Gaspedal unseres Doppeldeckers, damit ich mit den Füßen heranreichen konnte." Und Jerrie erwies sich als der beste Flugschüler, den der Oberst je ausgebildet hatte. 8000 Flugstunden hat Jerrie jetzt hinter sich; zusammengerechnet war sie länger als ein Jahr in der Luft, länger als irgendeiner der männlichen Astronauten die für das Projekt Mercury ausgebildet wurden. Sie hat Höhen- und Geschwindigkeits-Weltrekorde geflogen, hat gefährliche Notlandungen überstanden, sie war Buschpilot und Kurierflieger, und sie ist heute Chefpilot und Leiterin der Werbe- und Verkaufsabteilung eher Flugzeugfabrik.

"Die kaltblütigste und technisch versierteste Pilotin, die ich kenne", schildert sie ein Kollege, "und zugleich die fraulichste." Wahrhaft, ein erstaunliches Lob. Schlank, blond, blauäugig, eine zwar selbstsichere, aber sympathische junge Dame, so wird sie beschrieben; und selten versäumt man zu erwähnen, daß sie lieber schicke Kleider als Hosen und lieber hochhackige Schuhe als Slippers trage. Daß sie in allen möglichen Sportarten – im Reiten, Schwimmen, im Golfspielen – exzellic t, versteht sich fast von selbst. Jerries Kochkunst wird von ihren Freunden hoch geschätzt. Überdies ist sie eine regelmäßige Kirchgängerin und hat sich sogar in ihrer Wohnung einen Hausaltar aufgebaut, vor dem sie in andächtiger Stellung photographiert wurde. Was sie auch immer tut, sie tut’s – und hier sei das amerikanische Wert erlaubt – mit "Efficiency", mit Hingabe und beträchtlichem Erfolg. Daß eine so penetrant harmonische und tüchtige Person auch noch sympathisch wirkt, ist fast ein Wunder.

Weniger überraschend ist es, daß Jerrie den Dr. Lovelace in seiner Überzeugung bestärkt hat, Frauen seien doch die besseren Astronauten. Er hat diese Überzeugung freilich auch wissenschaftlich untermauert. Frauen können – so hat Lovelace herausgefunden – Hitze, Schmerzen, Geräusche und Vibrationen besser ertragen als Männer. Frauen sind leichter, brauchen weniger Sauerstoff und weniger Nahrung und sind überdies weniger empfindlich für Weltraumstrahlungen. Vor allem aber sind sie seelisch ausgeglichener. Jerrie Cobb zum Beispiel bestand den Einsamkeitstest mit Auszeichnung.

Kein Zweifel, Jerrie Cobb ist im Weltraumterzett der ideale dritte Mann.

Rolf Zundel