Von Rudolf Thadden-Trieglaff

Düster und drohend sind die Vorzeichen des 10. Evangelischen Kirchentags in Berlin. Der Ostberliner Polizeipräsident hat "im Interesse der Gewährleistung von Ruhe und Ordnung und zur Sicherung des Friedens" Veranstaltungen im Sowjetsektor der Stadt verboten. Die Volkspolizei hinderte Bischof Krummacher aus Greifswald an der Einreise nach Berlin und nahm ihm den Ausweis ab.

Den Kirchentag als gesamtdeutsches Ereignis als Ort, wo sich Christen aus beiden Teilen Deutschlands treffen konnten, gibt es also nicht mehr. Das ist sehr traurig. Die SED hat nichts unversucht gelassen, um es dahin zu bringen. Wir können es nicht ändern, aber wir sollten uns dessenungeachtet mit aller Schärfe die Frage nach unserem Verhältnis zum Kirchentag vorlegen.

Jahrelang hat das Kirchentagspräsidium versucht, sein Schiff an den Strudeln der politischen Leidenschaften vorbeizusteuern. Aber Manövrierkünste allein helfen nicht mehr: Das Schiff ist nicht mehr seetüchtig. Der Kirchentag ist nicht mehr das, was er ursprünglich war. Die Kraft, die ihn einmal befähigte, eine Mittlerrolle zu spielen zwischen Ost und West, ist versiegt. Sie ist geschwunden, weil jenes ursprüngliche Bemühen, ungeachtet aller politischen Fronten an der Erneuerung der Kirche zu arbeiten, nicht mehr vorhanden ist. Wie konnte es dazu kommen?

Entstanden ist der Kirchentag vier Jahre nach Kriegsende, zu einer Zeit, da alle öffentlichen Institutionen fragwürdig waren. Nur eine schien ohne Schaden, geläutert und gerechtfertigt aus den Kriegs- und Nachkriegswirren hervorgegangen zu sein: die Kirche. Und so wurde der Kirchentag zum Sammelpunkt der Zerstreuten, auch jener, die nur lose mit dem kirchlichen Leben verbunden waren. Er wurde zu einem Kristallisationspunkt der neuen Ordnung.

Zugleich aber ließ der Kirchentag auch alle diejenigen hoffen, die glaubten, nun sei die Zeit für eine Modernisierung der Kirche gekommen. All jene, die nicht begreifen konnten, wieso in der Kirche noch immer Platz war für konfessionelle Zwistigkeiten der evangelischen Gruppen untereinander, für die Duodezherrlichkeit der Landesbischöfe und für die traditionsgeheiligten Unterschiede in den Gottesdienstordnungen. Und zum dritten schließlich war der Kirchentag – und das war sehr wichtig – tatsächlich ein Ort, wo Ost und West sich treffen konnten.

Die Idee aber, die den Gründern des Kirchentages vorgeschwebt hatte, war die Aktivierung der Laien im Kirchenleben. "Echo der Verkündigung" sollte der Kirchentag sein. Hier sollte jedoch auch zur Sprache kommen, was den Menschen mißfiel, hier sollte die Kritik ihren Platz haben, hier sollten jene zu Wort kommen, die am Rande des kirchlichen Lebens standen, auch jene, die zweifelten und die suchten.