Von Robert Jungk

Sie drängten sich auf der Mole und trieben ihre zottigen, braungelben Schafe mit ungeduldigen Rufen in das dunkle Loch des Schiffsbauches, Ungeduldig, denn die "Agatha" legte schon nach zehn Minuten auf Ithaka wieder ab. Die Hirten blieben zurück auf der Insel des Odysseus, die dunkelverhüllten Frauen, die halbnackten Kinder, die weißen Häuser, der karstige Berg – das immer noch vorhandene Gestern.

An der Reling hatte einer den Radioapparat aufgestellt, um Nachrichten zu hören. Wir verstanden nicht viel, aber immer wieder fiel das Sorgensfichwort von heute: "Berlin... Berlin... Berlin..."

Ein amerikanischer Passagier hatte die letzte Nummer der "Saturday Evening Post" auf seinem Deckstuhl liegengelassen. Das Titelblatt: ein Brautpaar vor dem Priester, lächelnd, von Blumen umrahmt. Darüber die Ankündigung eines Artikels von Peter Wyden: "Könnte ein Zufall den Atomkrieg auslösen?" Wyden beschreibt darin folgendes, durchaus mögliche Drama von morgen: "Eine Batterie von Minuteman-Raketen wird in mehrere kleinere Einheiten aufgefeilt; diese Einheiten, deren Fernlenkgeschosse in unterirdische Beton-Silos eingelassen sind, mögen über fünfzig Kilometer auseinanderliegen. Sie werden von einem nahen unterirdischen Befehlsstand aus kontrolliert, der mit zwei Offizieren besetzt ist. Jedes dieser Zwei-Mann-Teams kann die Raketen der ganzen Batterie starten – also wohl ein paar Dutzend. Aber um auch nur ein Geschoß zu starten, müssen mindestens vier Offiziere in den beiden Startkontrollzentren mit dem Feuerbefehl einverstanden sein; jeder der vier muß auf seinen eigenen Startknopf drücken. Wenn einer von ihnen nicht "will", kann er auf einen Bremsknopf drücken, der jeden Raketenabschuß für eine bestimmte, vorher festgesetzte Zeitspanne blockiert. Danach kann sich allerdings jedes Zwei-Mann-Team über Einwände hinwegsetzen und feuern."

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Das Blau des Jonischen Meeres dunkelt ins abendliche Weinrot hinüber. Unter dem Wasserspiegel wacht vielleicht "Artemis": Nicht die Göttin, sondern das nach ihr benannte unterseeische Netz mechanischer Ohren, die sogenannten Hydrophone. Die amerikanische Marine hat dieses Warnnetz in aller Stille angelegt, um damit die Bewegungen der sowjetischen Unterseeboote verfolgen zu können. Vor einem Jahr wurde es zum erstenmal ausprobiert. Eine Bombe wurde damals an der Küste Australiens unter Wasser gezündet: die Detonation war noch in 20 000 km Entfernung zu hören.

Von dieser "Aufrüstung unter Wasser" wissen wir wenig. Wir wissen aber, daß auch die friedliche Durchdringung der Weltmeere große Fortschritte gemacht hat. Es gibt heute genaue Karten jener Regionen, die auf unseren gewöhnlichen Atlanten und Globen nur als blaue Flächen eingezeichnet sind. Einer der Pioniere auf diesem Gebiet ist der junge Schweizer Hannes Keller, der den Spuren seines Landsmannes Piccard folgt. Keller hat jetzt zusammen mit einem amerikanischen Zeitschriften-Redakteur – wozu der Journalismus doch zuweilen führt und wie tief er manchmal sinkt! – im Lago Maggiore ohne Druck-Kabine eine Tiefe von 220 Metern erreicht. Mit Hilfe elektronischer Rechengeräte rückte er den bisher ungelösten Problemen des schnelleren Auftauchens aus großen Tiefen zu Leibe und klügelte eine Methode aus, die es ihm ermöglichte, in 52 Minuten – weniger als einem Zwanzigstel der früher dafür veranschlagten Zeit – heil aus 220 Metern Tiefe aufzusteigen.