Ist der alte Riß zwischen Rotchina und der Sowjetunion, der vor einem halben Jahr erst mühselig gekittet worden ist, von neuem aufgebrochen? Die Meldungen und Spekulationen nehmen kein Ende, und sie stützen sich nicht nur auf das angebliche Rundschreiben Chruschtschows an die kommunistischen Parteien, das Isaac Deutscher in der Londoner Sunday Times veröffentlicht hat. Dies Dokument, in dem der Kreml-Zar seinem Pekinger Genossen abermals "Kriegshetzerei" und solidaritätswidriges Verhalten vorwirft, wird zwar von vielen Experten als Mystifikation betrachtet. Aber sogar in kommunistischen Kreisen ist zu hören, daß es – ob Fälschung oder nicht – der Wahrheit auf jeden Fall sehr nahe komme.

Fünfmonatige Verhandlungen über ein sowjetisch-chinesisches Abkommen gegenseitiger Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem, wissenschaftlichem und kulturellen Gebiet endeten unlängst mit einem vagen Kommunique. Moskau gab sehr pointiert bekannt, daß Peking den Sowjets 1,2 Milliarden Mark schuldet, weil es seine Exportverpflichtungen nicht erfüllt hat. Die sowjetischen Techniker, die im vergangenen Sommer aus China heimberufen wurden, sind noch nicht zurückgekehrt. Die Chinesen sind unzufrieden mit den russischen Kernreaktoren. Die beiden kommunistischen Großmächte machen einander ihre Satelliten abspenstig: China hat die Sowjets aus Albanien vergrault (der sowjetische U-Boot-Stützpunkt Valona wurde offenbar aufgelöst); Moskau hat sich Nordkorea, bisher eindeutig Pekinger Domäne, durch einen Beistandspakt enger verbunden und die Mongolei, so scheint es, endgültig dem chinesischen Einfluß entrissen. Nach Ulan Bator entsandte Chruschtschow seinen Chefideologen Suslow zur Vierzigjahrfeier und ließ die Äußere Mongolei als Vorbild für die Entwicklungsländer preisen; eine Woche zuvor hatte er sich bei der Vierzigjahrfeier der chinesischen KP durch einen bedeutungslosen Funktionär vertreten lassen und Mao nicht einmal ein Glückwunschtelegramm gesandt.

Am Wochenende vernahmen die Leser der Prawda zum erstenmal etwas von den neuerlichen Spannungen zwischen den zwei Zentren des Weltkommunismus: Das Blatt druckte eine Erklärung des Pekinger Außenministers Tschen-Yi ab, in der alle im Westen zirkulierenden Gerüchte über die Risse in der roten Front dementiert wurden. Ein negativer Beweis für ihr Vorhandensein?

Vielleicht. Dennoch wäre es unklug, wollte sich der Westen auf einen baldigen Bruch zwischen Peking und Moskau verlassen. Auf diese Spekulation läßt sich noch keine Politik gründen. Aber beruhigend ist es doch, daß auch die östliche Allianz ihre Schwierigkeiten hat. Th. S.