Tradition und Fortschritt im Einzelhandel – Mittelstandspolitik bedarf einer Neuorientierung

Von Günter Koch

Es ist fast nicht zu glauben: In der Bundesrepublik gibt es rund 100 000 Einzelhandelsbetriebe mit einem Jahresumsatz von weniger als 8000 DM. Das ist kein Druckfehler, hier wurde auch nicht Gewinn mit Umsatz verwechselt. Achttausend DM Umsatz im Jahr! Es gibt sie in Hülle und Fülle, diese "Tante-Anna-Läden". Gewiß, ihre Besitzer werden noch andere Einkünfte haben, denn von einem Jahreseinkommen von – hoch gerechnet – 1000 DM kann heute bestimmt niemand leben. Aber nach außen hin sind sie Einzelhändler – mittelständische Existenzen.

Ihnen gilt denn auch die besondere Liebe und Fürsorge der politischen Parteien und der Regierungen, denn der Mittelstand ist der "letzte Hort der Freiheit", ein starkes "Bollwerk gegen den Kommunismus" und daher "Garant unseres demokratischen Staatswesen", wie es in unserer schlagwortträchtigen Zeit so schön heißt. Und es gehört heute nicht viel dazu, das staatliche Hilfe beinhaltende Prädikat "Mittelständler" zugesprochen zu erhalten; man muß nur selbständig und klein sein, das genügt. Sind aber diese 100 000 Einzelhändler nicht viel eher dem "Proletariat" zuzuordnen?

Derartige Skrupel kommen einem auch bei jenen 176 000 Einzelhändlern, die 1958 in der Umsatzgrößenklasse von 8000 bis 50 000 DM lagen. Weitere 115 000 Händler setzten Waren im Wert von 50 000 bis 100 000 DM um – auch sie gehören im Grunde zu den "Minderbetrieben", wie die freundliche Umschreibung für den Begriff Kümmerexistenz lautet. Um nämlich im Einzelhandel ein durchschnittliches Arbeitnehmereinkommen zu erzielen – also etwa 600 DM pro Monat – muß ein Jahresumsatz von rund 100 000 DM gegeben sein.

Die "böse" Konzentration

Zählen wir die "Minderbetriebe" im Einzelhandel zusammen, so kommen wir auf die Zahl von annähernd 400 000. Von rund 550 000 Einzelhändlern verdienen also etwa 70 vH weniger als der Durchschnitt aller Arbeitnehmer in der Bundesrepublik. So sieht also die mittelständische Existenz im Einzelhandel aus, die es nach amtlicher Version um jeden Preis der Welt zu schützen und zu fördern gilt.