Eine Reise nach Rußland und anderswohin: Polen, CSR, Ungarn, Jugoslawien

Von Louis Fischer

Belgrad, im Juli

Die ungarische Revolution vom Oktober–November 1956 war etwas wie eine historische Wasserscheide. Der Westen versagte; die Regierung Eisenhower‚ die bis zum Hals im Wahlkampf stand, erhob nicht einmal ihre Stimme, um Ungarns Neutralität und seinen Austritt aus dem Warschaupakt zu unterstützen, die der unabhängig-kommunistische Ministerpräsident Imre Nagy verkündet hatte. Moskau schwankte hin und her, spielte mit dem Gedanken, Ungarn aufzugeben, und begann auch tatsächlich, Truppen abzuziehen. Die anglo-französische Suez-Expedition ließ Chruschtschow jedoch wieder Mut fassen, und seine Tanks machten sich daran, Budapest und eine Reihe anderer Städte zu zerschießen.

In ganz Budapest – und nicht nur im Stadtzentrum – sind noch heute Myriaden von Pockennarben zu sehen: Erinnerung an die russischen Granaten. Hunderte von Gebäuden sind mittlerweile allerdings neu verputzt worden; so sollen die peinlichen Beweise aus der Welt geschafft werden, die von dem Kampf des fremden Herrschers gegen das ungarische Volk zeugen.

Überall in Osteuropa sind die Schüsse von Budapest im Herbst 1956 nur zu gut gehört worden. Seitdem gibt es nichts Neues mehr an der Satellitenfront. Widerstand gilt heute als aussichtslos. Den Unglücklichen bleibt nichts, als sich mit den Verhältnissen abzufinden und abzuwarten – ohne große Hoffnung.

Apathie in Polen