Von Wolfgang Ebert

Touristen können ohne weiteres eine ganze, früher stille und friedliche Landschaft terrorisieren. Aber neuerdings bekommen sie es heimgezahlt! In einigen der schönsten Touristentummelplätze Europas sind die Touristen zu Opfern der Terroristen geworden. Und ich werde den Verdacht nicht los, daß es sich bei einem Teil der politischen, bombenwerfenden Verschwörer eigentlich nur um geschworene Touristenfeinde handelt. Einige Beispiele, wahllos herausgegriffen: In der Nähe der Pariser Oper wurde neulich eine Touristin durch eine (rechtsgerichtete) Plastikbombe für den Rest ihrer Ferien ins Hospital verbannt; ein Touristenpaar nimmt an einer "Paris bei Nacht"-Rundfahrt teil und findet sich in einem Kugelregen zwischen wildgewordenen Algeriern wieder; ein Tourist, der die Schönheiten der Bretagne bewundern wollte, wird von einer Gruppe wütender Bauern aus dem Wagen gezogen und mit einem Seil um den Hals, zum unbeschreiblichen Vergnügen der Einwohner, wie ein Kalb durch die Stadt gezerrt.

Ähnliche Kunde dringt auch aus Südtirol. Dort haben es die Terroristen besonders auf Reisebusse abgesehen, die sie in Brand zu stecken pflegen. Anscheinend hat man dort mit Bus-Touristen ganz schlimme Erfahrungen gemacht. In dieser Gegend haben, wie ich kürzlich feststellen konnte, Terroristen und Touristen eines gemein: Man sieht so gut wie keine. Dafür stolpert man auf Schritt und Tritt über italienische Soldaten, die den Terroristen Angst machen sollen, aber selbst so viel davon haben, daß sie auf Terroristen schießen, die gar keine sind. Wer aber will ausgerechnet im Urlaub so viele Soldaten – zum Teil in Tarnanzügen, damit man sieht, daß sie nicht gesehen werden sollen – vor Augen haben?

Viel weniger störend ist da schon das Verbot, sich des Nachts militärischen Anlagen zu nähern. Auch hier wieder: Wer will das schon? Nachts! Im Urlaub!

Der Erfolg, den die Terroristen mit ihren Aktionen gegen den Fremdenverkehr in dieser Saison haben, läßt sich an den Milliardenverlusten des Beherbergungsgewerbes in den betreffenden und betroffenen Gebieten ablesen. In Südtirol mußte sogar eine ganze Autobuslinie ihren Betrieb einstellen.

Das alles zeigt, daß sich eine Wandlung im Charakter dieses Volkes, der Touristen, anbahnt. Bisher waren sie als sensationslüsterne, kalte, hartgesottene Menschen verschrien, die ein bißchen Revolution oder gar Bürgerkrieg als willkommene Beigabe zum Urlaub wohl zu schätzen wissen. In diesem Jahr aber gewinnt man den Eindruck: Die Touristen auf der ganzen Welt sind weich geworden. Und am weichsten ausgerechnet die amerikanischen Touristen, von denen ich immer annahm, man müßte ihretwegen noch in der Hölle ein American Express aufmachen. Dazu hat sich neulich Monsieur Sainteny, der Chef des französischen Fremdenverkehrs, in der Pariser Ausgabe der New York Herald Tribüne geäußert. Wenn dieses Blatt nicht gerade über alliierte Vorstoßpläne in Richtung auf’Berlin berichtet, ist es ziemlich vertrauenswürdig.

Unsichere politische Verhältnisse wirken sich auf den Tourismus so verheerend aus wie wochenlange Regenperioden, meinte er mit der leidgeprüften Miene eines Mannes, der den Algerien-Putschversuch vom April, die Pariser Plastikbomben vom Mai und die Bauernunruhen vom Juni hinter sich hat. Am schlimmsten haben sie sich bei den Amerikanern ausgewirkt. Viele von ihnen haben das sonst so heißgeliebte Frankreich einfach von der Europa-Reisekarte gestrichen. Verständlicherweise ist M. Sainteny nicht gut auf sie zu sprechen. Um so lebhafter lobt er die belgischen, deutschen und englischen Touristen, die sich nicht so leicht von einer Bombe beim Frühstück abschrecken lassen. Was übrigens die fehlenden Amerikaner angeht, so liegen bei manchen auch patriotische Gründe vor – hat doch ihr Präsident den Wunsch ausgesprochen, daß nicht mehr so viele Goldstücke das Land verlassen sollen.

Da es wenig Sinn hätte, den Terroristen gut zuzureden, auf die Saison Rücksicht zu nehmen – in Paris kämen sie dann ja nie dazu, ihre Bomben loszuwerden –, halten sich die Franzosen an die Touristen und versuchen ihnen einzureden, daß es wahrscheinlicher sei, von einem Auto überfahren, als von einer Bombe getroffen zu werden – eine Relation, die sich von heute auf morgen verschieben könnte. Im übrigen möchte man ja gerade im Urlaub möglichst beides nicht erleben. Und die Touristen von 1961 wollen anscheinend überhaupt nichts mehr erleben; Soziologen sprächen wahrscheinlich von einem Schwund an Erlebnisfähigkeit. Touristen wollen anscheinend weder Bomben noch Barrikaden noch erboste Bauern um sich haben. Ihr Bedarf an Abenteuern wird jetzt wohl im eigenen Büro gedeckt. Im Urlaub wollen sie neuerdings nur noch Urlaub machen. Eine ziemlich sensationelle Entwicklung.