Bei den alten Israelis muß ein Gefühl dafür vorhanden gewesen sein, daß eine Volkszählung Teufelswerk sei. Davon legt das einundzwanzigste Kapitel des Buches Chronika Zeugnis ab.

Als nämlich König David sich’s einfallen ließ, die Kinder Israels zu zählen, eine Volkszählung also zu veranstalten, erwuchs greuliches Unheil daraus, dessen Bericht in der Bibel mit den düsteren Worten anhebt: "Der Teufel stand gegen Israel auf und reizte David, daß er Israel zählen ließe." Dabei war es nicht einmal das erste Mal, daß das Volk gezählt wurde. Auf der großen Wanderung durch die Wüste, im Lager vorm Sinai, ließ Moses das Volk zählen, doch geschah dies auf ausdrückliche Weisung Jahwes. Diesmal aber, da die Behörde ganz auf eigene Initiative ans Werk ging, veruneinigten sich Gott und König auf das schwerste.

David beauftragte einen seiner tüchtigsten Generale, namens Joab, mit der Durchführung, was vermuten läßt, daß der Maßnahme militärische Erwägungen zugrunde lagen. Dem schlachtengewohnten General ging der bürokratische Auftrag hart gegen den Strich. Er erhob Einwendungen: der Herr verhundertfache das Volk, doch nach Belieben und dessen Zahl ändere nichts daran, daß sie alle des Königs Knechte seien. Aber David ließ sich auf nichts ein, Joab mußte gehorchen, ‚zog aus und wanderte durch ganz Israel".

Nach neun Monaten und zwanzig Tagen kehrte er mit seinen Leuten zurück und legte dem König die Einwohnerliste vor. Das Ergebnis: achthunderttausend Männer in Israel, fünfhunderttausend in Juda. Eine vermutlich recht anfechtbare Zahl; und dabei waren dem alten Eroberer von Jerusalem und Rabbath die Stämme Levi und Benjamin so zuwider – wie überhaupt der ganze Auftrag –, daß er sie einfach nicht mitgezählt hatte.

Als alles fertig war, kam dem König in den Sinn, daß der Herr grollte, und ihm schlug das Gewissen, und er betete um Vergebung. Ein Seher namens Gad kam zu ihm und rief: "Es mißfällt dem Herrn, was du getan hast, und schwere Buße legt er dir auf. Aber du magst zwischen drei Strafen wählen. Sollen sieben Hungerjahre übers Land kommen; oder soll drei Monate lang Krieg, Niederlage und der Feind im Lande sein; oder willst du lieber, daß die Pest drei Tage lang herrsche? Entscheide dich und antworte."

Eine teuflisch – oder göttlich? – ab- und ausgewogene Alternative! David wählte das gewiß scheußlichste, aber kürzeste Übel und sagte: "Lieber will ich in die Hand des Herrn fallen, der barmherzig ist, als in die Klauen der Menschen." Das hieß in die Hände der Soldateska, wenn Krieg, oder der Schieber, wenn Hunger und Teurung kämen. Er wählte die Pest.

Also kam, was kommen mußte, ganz im Stil des alttestamentarischen Jahwe: "Und der Herr sandte Pestilenz über Israel, und siebzigtausend Menschen fielen ihr zum Opfer." Und wie es in der Weltgeschichte seit eh und je zugegangen ist, der Urheber des Elends selber blieb verschont... Jedoch, wie es in der Weltgeschichte nur ganz, ganz selten geschieht: dieser Urheber des Elends schlug sich an die Brust und flehte: "Ich, ich war es doch, der sündigte – diese alle haben doch nichts Böses getan! Wende deine Hand, Herr, gegen mich und die Meinen und nicht gegen sie!"