Am 1. Oktober 1959 fiel in Pankow der Startschuß zu einem Wirtschafts-Wettrennen gegen die Bundesrepublik: Bis Ende 1961 wollte die Sowjetzone den Lebensstandard Westdeutschlands überflügeln. So stand es damals in der "Kampfvorschrift" des Siebenjahresplanes. "Die Erfüllung der ökonomischen Hauptaufgaben, durch Erhöhung der Arbeitsproduktivität und Steigerung der Produktion Westdeutschlands im Pro-Kopf-Verbrauch bei den meisten industriellen Konsumgütern und Lebensmitteln bis Ende 1961 einzuholen und zu überholen, ist ein Teil der großen geschichtlichen Aufgabe, in Deutschland die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaft zu beweisen."

Diesen Beweis ist der SED-Chef den 17 Millionen jenseits der Elbe bis heute schuldig geblieben. Seit jenem 1. Oktober 1959 hat es in der Zone immer neue Versorgungskrisen gegeben. Aber keine war schwerer als die jetzige. Im Sommer 1961 fehlt es in vielen Gegenden an den "einfachsten Dingen" des täglichen Lebens. In Mecklenburg gibt es Kartoffeln und Fleisch nur auf Kundenlisten; in Leipzig und im Bezirk Dresden mußten in den Gaststätten zwei fleischlose Tage eingeführt werden; in Dresden kann der Bedarf an Butter nur zu 80 Prozent gedeckt werden; in den Kreisen Zittau, Möbau und Bautzen werden pro Tag und Kopf nur 32 Gramm Butter verkauft.

Nicht besser als um die Versorgung mit Lebensmitteln ist es um die Konsumgüter-Industrie bestellt: Die Nachfrage nach Kühlschränken und Waschmaschinen kann nur zur Hälfte gedeckt werden. Bei Fernsehgeräten beträgt die Lieferzeit noch immer zwei Jahre. Nicht anders ist es in vielen Fällen bei Autos, Schuhen und Textilien.

Die Bevölkerung ist unzufrieden, sie muckt auf, sie schimpft. Die Arbeiter des Henningsdorfer Lokomotivwerkes schickten einen Protestbrief an Ulbricht und empfingen die Agitatoren, die sie beschwichtigen wollten, mit Buh-Rufen. Am Ende sah sich der Ostberliner Oberbürgermeister Friedrich Ebert vor der "Volkskammer" gezwungen, die Kritik der Lokomotivarbeiter an dem Versagen der verantwortlichen Funktionäre aufzugreifen und diese Funktionäre ebenfalls anzuprangern.

Als der Unwille dennoch immer lauter wurde, entschloß sich Ulbricht schließlich, die Planungsspitze mit neuen Leuten zu besetzen: mit Karl Mewis, der als erster SED-Sekretär die landwirtschaftliche Kollektivierung Rostocks hatte melden können, und mit Alfred Neumann, der mit volkswirtschaftlicher Planung noch nie etwas zu tun gehabt hatte.

Die Krise hat eine Reihe verschiedener Ursachen.

  • Bei den Bauern macht sich eine "gefährliche Acht-Stunden-Ideologie" breit, wie es im Parteijargon des "Neuen Deutschland" heißt. Ihnen war bei der Zwangskollektivierung eine kürzere Arbeitszeit versprochen worden. Jetzt pochen sie darauf.
  • In vielen Bezirken wurde ein "Übersoll" an Milch und Fleisch erreicht. Aber der Transport in die Städte, wo die Menschen vor den Lebensmittelgeschäften Schlange stehen müssen, klappt nicht, weil die Verwaltung des staatlichen Großhandels überorganisiert und erstarrt ist. Die Bäcker können, obwohl das Mehl vorhanden ist, nicht genug Brot liefern, da es ihnen an Arbeitskräften fehlt.
  • Als eine pure Illusion stellt sich erst recht der Versuch heraus, den westdeutschen Lebensstandard noch in diesem Jahr zu überholen, wenn man sieht, wie eigensinnig Ulbricht auf der Priorität der Schwerindustrie vor der Produktion von Konsumgütern beharrt. Noch heute, trotz der wachsenden Kritik der Bevölkerung, sind den Pankowern die Drehbänke wichtiger als die vollen Butterfässer. Daß auf diese Weise das gesteckte Ziel nicht erreicht werden kann, liegt auf der Hand. Auch der 1. SED-Bezirkssekretär Leipzigs, Paul Fröhlich, mußte schließlich zugeben: "Der westdeutsche Lebensstandard kann nicht schon 1961 erreicht werden, sondern höchstens 1965" – also wenn überhaupt, erst am Ende des Siebenjahresplanes.

Bei Versammlungen und "Ausspracheabenden" verkünden die Agitatoren die Parole: "Wie wir heute arbeiten, so werden wir morgen leben." Sie versuchen, die Städter für die Heuernte zu mobilisieren, indem sie ihnen vorgaukeln: "Gutes Heu ist gute Milch – gute Milch sind gesunde Kinder. Sozialismus und gesunde Kinder gehören untrennbar zusammen." Unterdessen aber erzählt man sich in Greifswald, was Frauen den Verkäuferinnen im HO-Kaufhaus wütend gesagt haben sollen: "Sozialismus mit nahtlosen Damenstrümpfen ist schon Mist. Aber Sozialismus ohne nahtlose Strümpfe ist überhaupt nicht mehr zu ertragen." D. St.