In einer Eurovisions-Sendung konnte diesmal auch der Tennisliebhaber auf dem Kontinent die 75. "All England championship" in Wimbledon weitgehend miterleben. Wohl bei keiner anderen Sportart kann die Dauer der Wettkämpfe so stark schwanken wie beim Tennis. Deshalb geraten die "Koordinatoren" des Fernsehens hier besonders leicht in Zeitnot. Vorläufig glauben sie noch, daß ein Abschalten mit preußischer Pünktlichkeit nach dem vorgeschriebenen Programm der Weisheit letzter Schluß sei, um dieses Dilemma zu lösen.

Das Herreneinzel war statt der erwarteten zweieinhalb Stunden schon nach 55 Minuten entschieden. Der athletische amerikanische Mathematikstudent Charles McKinley hatte trotz seines "Kanonen-Aufschlages" und trotz seiner enormen Reaktionsschnelligkeit gegen das perfekte Schlagrepertoire und die kluge Taktik von Rod Laver nie eine Chance. Die immer wieder eingeblendeten Großaufnahmen der Gesichter der beiden Gegner enthüllten erbarmungslos, wie der routinierte Australier, der zum dritten Male auf dem Centrecourt in Wimbledon in einem Finale stand, mit seinem Pokerface die Hoffnungen des amerikanischen Greenhorns systematisch zertrümmerte. Ihm blieb am Schluß nur Verzweiflung.

Ganz anders das Dameneinzel. Es dauerte mit einer Regenpause 2 3/4 Stunden. Hier standen sich in den beiden Engländerinnen Angela Mortimer und Christine Truman zwei beherrschte Ladies gegenüber, die sich mit verschiedenen Waffen einen gleichwertigen Kampf lieferten. Die zwanzigjährige, sehr stabile Miß Truman, die offensiv spielte und oft ans Netz vorging, wo sie aber auch nicht selten passiert wurde, und die neun Jahre ältere, kleine und hagere Miß Mortimer, die sachlich wie eine englische Oberlehrerin aus der Defensive heraus ihre Lektion zu Ende brachte. Zunächst sah es mehr nach einem Sieg des wagemutigeren Fräulein Truman aus, bis diese sich bei einem Sturz eine Verletzung zuzog, so daß sie eine Zeitlang placiertere Bälle nicht mehr erlaufen konnte.

Hartes, modernes Tennis mit allen taktischen Finessen wurde dann im Herrendoppel der beiden australischen Paare geboten. Der Ball, dem seine Erfinder doch schon die telegene weiße Farbe verliehen haben, war trotzdem oft nicht mehr genau auszumachen, so blitzschnell stürzte sich mit tödlichem Flugball der Partner nach einer geheimen Zeichensprache in das Duell zwischen Auf- und Rückschläger.

Das "mixed", in dem zum ersten Male nach 23 Jahren mit Edda Buding wieder eine Deutsche bis ins Endspiel vordrang, dann allerdings verlor, bekam man leider nicht mehr zu sehen. Selbst das Herrendoppel wurde, ähnlich wie bei der Übertragung des Aachener Reitturniers, genau in dem Zeitpunkt abgeschaltet, als die Spannung am größten war. Man stelle sich eine Theateraufführung vor, bei der im letzten Akt plötzlich der Vorhang niedergeht. Ein freundlicher Herr tritt hervor und verkündet, daß das Theater nun für eine andere Veranstaltung gebraucht werde, das verehrte Publikum könne aber den Schluß des Stückes in der Tagespresse nachlesen. Nachdem es nun zwei Programme beim Fernsehen gibt, sind solche Rücksichtslosigkeiten wohl kaum noch zu verstehen. A. M.