Daß ein gutes Buch nur zu oft einen schlechten Film ergibt, ist hinlänglich bekannt, aber wenn ein guter Streifen aus einem Buch herauskommt, dann kann das Buch einfach nicht schlecht sein. Natürlich kann man sich nur nach dem Film kein Urteil über einen Roman bilden. Nach dem Besuch des in England und Deutschland erfolgreichen Films lohnt es sich, die Bekanntschaft mit

Alan Sillitoe: "Samstag Nacht und Sonntag Morgen", aus dem Englischen von Gerda v. Uslar; Rowohlt Verlag, Reinbek; 283 S., 15,80 D-Mark

zu erneuern und Seaton, seine Freunde, Freundinnen und Feinde genauer ins Auge zu fassen. Erst wenn der Blick tiefer dringt, sieht man, was dahinter steckt: die künstlerische Gestaltung eines Stücks Leben.

Sillitoe, Jahrgang 1928, gehört also zur Generation der "zornigen jungen Männer", aber er ist über sie hinausgewachsen; er brüllt nicht, er klagt nicht an, er hält sich an das alte naturalistische Rezept: das Milieu wie ein Naturforscher, ein Anthropologe zu beobachten, der die Sitten und Bräuche eines primitiven Stammes studiert, und dann die Beobachtungen getreu aufzeichnet, ohne Retusche, "ohne Zorn und Eifer". Sillitoe verzichtet auf eine feinsäuberlich konstruierte Handlung, bei der ein Rädchen genau ins andere greift, wie es das im Leben niemals tut; er spiegelt den Alltag, "wie er eben ist".

Ein englischer Kritiker und der Klappentext der deutschen Ausgabe sehen eine Verwandtschaft mit D. H. Lawrence – offenbar nur, weil auch Lawrence aus einer Arbeiterfamilie stammte und einen berühmten Roman aus diesem Milieu geschrieben hat. Ansonsten hinkt der Vergleich wie alle Klappentexte. Von der hysterischen Zerquältheit, vom Ödipuskomplex und dem Krampf der Minderwertigkeits- und Überlegenheitsgefühle, an denen Lawrence und seine Romanfiguren leiden, ist bei Sillitoe nicht das geringste zu finden. Gewiß hat auch Arthur Seaton – wie könnte es heute anders sein? – neurotische Ängste, die er durch Exzesse im Alkohol und in der Liebe zu betäuben sucht. Aber er ist kein psychologischer Grenzfall und hat nicht den Ehrgeiz, etwas Besonderes vorzustellen. Er verdient gut und lebt gut, er stößt sich die Hörner ab, philosophiert ein wenig über Politik, das Ewig-Weibliche und die unerfüllbare Sehnsucht nach Sicherheit; er schlägt sich und verträgt sich, geht angeln und wird in einem Vierteljahr heiraten und ein ebenso guter oder schlechter Ehemann werden wie seine Kollegen. Er ist ein Durchschnittstyp, wie er heutzutage in einer englischen Industriestadt tausendmal zu finden ist.

Und deshalb ist dieses Buch mehr als die Jugendgeschichte eines Mannes namens Arthur Seaton: es ist ein sozialer Roman, der die Mentalität des heutigen englischen Arbeiters festhält. In Seatons Erlebnisse und seine ungekünstelten inneren Monologe ist alles verwoben, was die Gemüter erregt und beschäftigt: die Atombombe, die Furcht vor einem neuen Krieg, die Schaumschlägerei der Politiker, der Fernsehfimmel, die Klatschsucht in den überfüllten Arbeitervierteln. Am stärksten herausgestellt wird die mürrische, mißtrauische Haltung des vollbeschäftigten Arbeiters zum anderen Sozialpartner, in dem er durchaus nicht den Partner sieht, sondern einen Gegner, den man überlisten muß wie der Schuljunge den Lehrer. Sozialhistoriker dürften in diesem Roman mehr Material finden als in mancher mühsam zusammengetragenen Abhandlung. Ludwig Fürst