Die Kunst des Bogenschießens – Sport oder Meditation?

Die deutschen Meisterschaften im Bogenschießen, die am letzten Wochenende in München stattfanden, hatten, wie erwartet, kein größeres Publikum angelockt. Der Veranstaltung fehlte jede Dramatik, die den Schausport heute so attraktiv macht. Nichts Sentationelles geschah. Und doch sollte man sich gerade jetzt, wo der "zweite Weg", also der Gesundheitssport, in der Bundesrepublik so propagiert wird, einmal ernsthaft Gedanken über diese vielleicht älteste Sportart der Welt machen.

Die gleichen Menschen, die vor Jahrtausenden die magischen Bilder auf die Wände der Höhlen von Altamira oder Lascaux malten, benutzten die dargestellten und auch modellierten Jagdtiere als Zielscheiben für ihre Pfeile. Man kann streiten, ob der Cromagnomensch schon Wettkämpfe durchgeführt hat; doch von den altägyptischen Bogenschützen wissen wir es schon genau. Auf einer steinernen Tafel in den Klauen der Sphinx von Gizeh ist in Hieroglyphen ein Sportgedicht eingemeißelt. Dies weiß ich von einem befreundeten Ägyptologen, der mir die Steleninschrift an Ort und Stelle übersetzte. Der Dichter war ein serviler Höfling, der die sportliche Leistungsfähigkeit seines Pharaos im Lauf, Rudern und Bogenschießen maßlos übertrieben haben muß. Amenophis II. verfügte demnach über solch ungeheure Kräfte, daß er gleich vier dicke Kupferscheiben, die an Pfählen befestigt waren, hintereinander durchschoß, so daß die Pfeile, nachdem sie das Ziel getroffen und durchdrungen hatten, jenseits auf die Erde fielen. "Nie zuvor", so fügt der Hofpoet noch hinzu, "hat man solches gesehen."

Kraft und Zartheit

Als Wettstreit gab es Bogenschießen überall und zu allen Zeiten, bis das Gewehr – in Europa schon vorher die Armbrust – der so viel edleren Kunst den Garaus machte. Während man im Abendland den Bogen nur als Schußwaffe ansah, erkannte man im Fernen Osten schon in der Chou-Zeit, also vor zwei- bis dreitausend Jahren, daß ihm neben seiner todbringenden Kraft auch die Zartheit eines Musikinstrumentes innewohnt. Bei ihren Wettbewerben mußten die chinesischen Adligen nicht, nur richtig zielen und treffen, sondern den Akt. der Spannung und Entspannung des Bogens mit dem Rhythmus der begleitenden Musik abstimmen. War dies nicht der Fall, wurde der Schuß für ungültig erklärt, auch wenn es ein Treffer war.

In der Schi Ging, dem Buch der Lieder, in dem 311 Gedichte zusammengetragen worden sind, wird ein solches Wettschießen geschildert: "Dann wird die große Scheibe aufgestellt, Bogen und Pfeile werden zum Schießen bereitgelegt. Die Bogenschützen werden in Klassen eingeteilt. Zeige deine Kunst im Schießen, heißt es. ‚Ich werden den Ring treffen‘, ist die Antwort."

Heute noch gibt es in Japan Shintoschreine, an denen beim ersten Geburtstag des Kaisersohnes ein Priester im Ornat durch Zupfen der Sehne eines Bogens harfenartige Töne hervorruft, während ein zweiter aus einer Schriftenrolle altchinesische Klassiker vorliest.