7~) ie Zeichnung umfaßt sieben Achtel von dem, was die Malerei ausmacht, hat Ingres gesagt — ein Satz, der auf seine Schüler gemünzt war und der bestimmt nicht auf die Malerei im allgemeinen, aber unbedingt auf sein eigenes Schaffen zutrifft. Wer hätte nicht vor seiner "Apotheose Homers" im Louvre einen edlen Schauder empfunden — wie fern ist das, wie vergangen, eine unendlich perfekte, marmorkühle, marmorblasse Hommage a Raffael, seinen Abgott, sein Ideal. Gewiß, man muß sie historisch sehen, seine grandes machines: französischer Klassizismus, der äußerste Gegensatz zum Sturm des Delacroix. Ingres war Schüler der Ecole des Beaux Arts, dann Professor, dann Vizepräsident, schließlich, 1834, ihr Präsident. Er ist ein Mann der Akademie, ein Meister des Akademischen, bis in die letzten Konsequenzen, bis in eine Dimension, wo Pedanterie, Trockenheit, Methodik ins Geniale umschlagen. Noch im Türkenbad, im verführerischen Serail der Odalisken, bewahrte der Maler seinen kühlen Kopf, seine Korrektheit.

Bei seinen Zeichnungen braucht man keine historischen Haltepunkte anzuvisieren. Ingres benötigt nichts als ein Blatt Papier, ein Stück schwarze Kreide (keinen Radiergummi, da er nie verbessert) und ein Modell, um sein Genie zu beweisen. Viertausend Zeichnungen werden im IngresX Museum aufbewahrt. Ingres hat sie mit seinem ganzen künstlerischen Nachlaß der Stadt vermacht, in der er geboren wurde. Er hatte den sehr typischen Ehrgeiz des französischen Provinzlers. Er wollte bei seinen Leuten zu Hause etwas gelten. Damals war er schon Kommandant der Ehrenlegion, Kaiser Napoleon III hatte ihn persönlich mit den höchsten Orden dekoriert.

Montauban ist eine Kleinstadt in Südfrankieich, das Ingres Museum wird selten besucht. Eine Auswahl der Zeichnungen ist jetzt zum erstenmal in Deutschland zu sehen. Wolf Stubbe, Kustos der Hamburger Kunsthalle, hat das Material in Montauban gesichtet und 124 Blätter in die Hamburger Kunsthalle gebracht. Da bleiben sie bis zum 19. August, dann wird die Ausstellung von der Kunsthalle Bremen übernommen.

Die Blätter sind, bis auf einige Ansichten von Rom, Vorstudien zu Gemälden. Allein für die "Apotheose Homers" gibt es dreihundert Studien. Dabei hat Ingres eine höchst ungewöhnliche Arbeitsmethode entwickelt. Zunächst skizzierte er in einer Art zeichnerischen Stenogramms den Bildgedanken für die Gesamtkomposition. Dann suchte er sieh in seiner Sammlung von Kupferstichen nach antiken Skulpturen diejenigen heraus, die in der Haltung seiner Ideenskizze nahekamen. In der Haltung dieser antiken Statue ließ er sein Modell posieren, um es auf vielen Blättern, teils in ganzer Figur, öder auch nur die Biegung eines Armes, den Ansatz einer Hand zu zeichnen. Dann wurde die nackte Figur bekleidet.

Was schließlich auf der Leinwand als Heilige oder allegorische Figur erschien, war ungeheuer artistisch, edelster Klassizismus, aber ohne die wunderbare Frische, die atmende Lebendigkeit der Zeichnung. Einmal, als ein Freund eine seiner Pfeide