S., Paris, im Juli

Am Vorabend der neuen französischen Verhandlungen mit dem FLN hat Tunesiens Staatspräsident Habib Burgiba eine Kraftprobe mit Frankreich heraufbeschworen. Am Mittwochmorgen ließ er, wie zwei Tage zuvor angekündigt, den französischen Luft- und Flottenstützpunkt Bizerta von tunesischen Truppen umzingeln, und forderte dessen sofortige Räumung. Mit seiner Blockade hofft er, die Franzosen zum Abzug bewegen zu können. Gleichzeitig sind tunesische Truppen in die angrenzende französische Sahara einmarschiert. Tunesien erhebt Anspruch auf einen 40 Kilometer breiten Wüstenstreifen.

Die Franzosen hat Burgibas Schritt überrascht. Bisher hatten sie geglaubt, die Bizerta-Frage könne im Einvernehmen mit Tunis bis zum Ende des Algerienkrieges zurückgestellt werden. Sie hoffen zwar noch, daß Burgias diplomatische Beweglichkeit auch in diesem Streitfall eine heikle Zuspitzung vermeiden werde, doch geben sie sich keinen Illusionen über die Entschlossenheit des tunesischen Staatspräsidenten hin. Schon ist in Paris zu hören, daß man auf Burgiba nicht länger als Vermittler zwischen Frankreich und den algerischen Aufständischen zählen dürfe.

Auch der FLN-Regierung ist Burgibas Vorgehen nicht sehr angenehm. Zu deutlich hat er durchblicken lassen, daß er Frankreich gegenwärtig für den rechtmäßigen Herrn der Sahara hält. Er hat jedenfalls keinen Hehl daraus gemacht, daß er es vorzieht, seine Sahara-Ansprüche an Frankreich zu stellen: "Ich sehe es als unsere Pflicht an, unsere Sahara-Gebiete lieber heute zu fordern, als deswegen morgen mit unseren algerischen Brüdern Streit, anzufangen."

Burgibas Coup schmerzt denn nicht nur die Franzosen, sondern auch ihre Gegner. Der Tunesier, der bisher als ehrlicher Makler im Algerien-Konflikt gewirkt hat, versucht offenbar, noch vor dem Abschluß der französisch-algerischen Gespräche seine Vermittlergebühr einzustreichen.