Die Automobil-Aktien gehören zu den Lieblingskindern der Börse. Ihre Kurse sind ständig in Bewegung. Infolgedessen läßt sich an ihnen immer etwas verdienen. Natürlich auch verlieren – aber darüber schweigen die Betroffenen. Wer jedoch seit Jahren an seinen Automobil-Aktien festgehalten hat, ist immer mit ihnen ausgezeichnet gefahren, wobei ich, meine verehrten Leser, die BMW-Aktien ausklammern möchte, obwohl auch diese Papiere trotz ihrer Dividendenlosigkeit von der Börse (oder von den Interessenten) relativ hoch bezahlt werden. Kurs-Spitzenreiter in der Automobil-Gruppe ist Daimler. Hier können die Aktionäre jetzt die Früchte einer jahrelangen Thesaurierungspolitik ernten, über deren Ausmaß lediglich die Großaktionäre unterrichtet waren. Sie haben die mageren Jahre genutzt, ihre Position in der Gesellschaft zu festigen.

Die Aktien der Daimler-Benz AG, Stuttgart, werden an der Börse mit etwa 2700 vH bewertet. Der Kurs schwankt oftmals um 100 Punkte an einem Tag. Das ist auf die Marktenge zurückzuführen, denn man kann davon ausgehen, daß mindestens 60 bis 70 vH des zur Zeit 180,4 Mill. DM betragenden Grundkapitals in festen Händen sind. Hinzu kommen die Schwierigkeiten, die sich aus dem hohen Kurs ergeben, der die eigentlichen Sparer von diesem Papier fernhält. (Schließlich müssen für eine Aktie über nom. 100,– DM rund 2700 DM gezahlt werden.)

Die Frage, die immer wieder gestellt wird, lautet: Ist die Aktie diesen Preis überhaupt wert? Wer die Gesellschaft beherrscht oder bei ihr irgendwelchen Einfluß ausüben möchte, zahlt diesen Preis sicherlich. Aber wie ist es mit der Daimler-Aktie als Kapitalanlage? Um das beantworten zu können, müssen wir, meine verehrten Leser, etwas rechnen. Als Grundlage nehmen wir den Jahresabschluß 1960 und jene Angaben, die von der Gesellschaft kürzlich vor der Presse gemacht worden sind.

Die Daimler-Benz AG (Gesamtkonzern, also einschl. Auto-Union und sonstige Töchter) hat einen Konzernumsatz von 4,14 (3,36) Mrd. DM erzielt. Bei einem Kurs von 2700 vH wird die Gruppe mit 4,86 Mrd. DM bewertet. Das sind 120 vH des Konzernumsatzes. Stellt man nun die gleiche Rechnung für das Volkswagenwerk auf, dann liegt der Börsenwert des VW-Werkes bei einem Kurs von 950 vH bei 5,7 Mrd. DM, was 124 vH des Umsatzes ausmacht. Also eine gewisse Ubereinstimmung ist zu beobachten, die sicherlich nicht ganz zufällig ist. Damit wird jedoch weder über die "Richtigkeit" des Daimler- noch des VW-Kurses etwas gesagt. Sie können beide zu hoch oder zu niedrig liegen. Sie sind auch nicht mit der Rendite zu erklären, wenn man allein die Dividende als solche verstehen will. In beiden Fallen ist jener Teil des Gewinnes, der den Aktionären in direkter Ausschüttung zur Verfügung gestellt wird, nicht die Hauptsache. Schwergewichtiger ist das, was dem Unternehmen an verdienten und versteuerten Eigenmitteln verbleibt.

Hier beginnt aber schon das Rätselraten. Aus der Bilanz per 31. Dezember 1960 ist bei Daimler ohne Schwierigkeiten ein sichtbarer Jahresgewinn von 113,19 (64,88) Mill. DM erkennbar, aber die um 41 auf 214 Mill. DM gestiegenen Ertragssteuern lassen auf einen sehr viel höheren versteuerten Gewinn schließen. Man wird wohl wieder über das steuerlich zulässige Maß hinaus Abschreibungen vorgenommen haben. Seit Jahren wird von der Verwaltung beteuert, daß vom Standpunkt der Gesellschaft gesehen die steuerlichen Abschreibungssätze nicht ausreichen. Das zweimalige Auflösen von stillen Reserven läßt andererseits aber auch darauf schließen, daß die Verwaltung in den Vorjahren mehr abgeschrieben hat, als technisch-betrieblich unbedingt erforderlich gewesen wäre. Der Aktionär, der an seinen Papieren festgehalten hat, erlitt durch die Thesaurierungspolitik keinen Schaden. Der Dumme ist derjenige, der in Verkennung der Tatsachen sich zu früh von seinen Papieren löste.

Wir sollten auch diesmal den sichtbaren Jahresgewinn mit einiger Vorsicht beurteilen. Ein erheblicher Betrag muß erneut in die stillen Reserven gegangen sein. Schätzungen sprechen von einem versteuerten Gesamtgewinn von rund 180 Mill. – das wären genau 100 vH des heutigen Grundkapitals. Für eine so gesehene Rendite kann man schon einen hohen Preis zahlen. Aber er rechtfertigt den hohen Kurs allein nicht. Hinzu kommen die Marktstärke des Unternehmens, seine hohen Auftragsbestände und seine finanzielle Unabhängigkeit und Beweglichkeit.

Dazu einige wichtige Daten: