Bozen, Mitte Juli

Die aufsehenerregenden Südtiroler Sprengstoffattentate liegen mehr als vier Wochen zurück, aber die Anzeichen für eine Entspannung der Lage sind nur gering. Immer noch gibt es Schießereien, immer noch erfolgen Verhaftungen. Die militärisch und wirtschaftlich wichtigen Punkte sind von größeren Truppenkontingenten besetzt – man spricht von 10 000 Mann Verstärkung. An den Bahnlinien bis zum Brenner hinauf wimmelt es von Soldaten. Die italienische Regierung hat einen Visumzwang für Österreicher wieder eingeführt. Unermüdlich aber bleibt das Bemühen der Südtiroler Verkehrsexperten, beruhigende Meldungen auszugeben, die von deutschen Reiseunternehmen bereitwillig aufgenommen und verbreitet werden.

Daß ganze Landstriche völlig unberührt geblieben sind, können diejenigen Ferienreisenden bestätigen, die seinerzeit nicht Hals über Kopf die Flucht ergriffen haben. Am Ritten zum Beispiel, in vielen Teilen des Pustertales und seiner Nebentäler, im engeren Bereich von Meran und erst recht in den Höhen, auf der Seiser Alm etwa und im Karerseegebiet, ist überhaupt nie etwas passiert. Die Urlauber dort haben meistens erst durch die Zeitung oder durchs Radio erfahren, was sich zugetragen hat. Auch von den 10 000 Mann militärischer Verstärkung haben sie nicht mehr gesehen als gelegentlich einen Jeep.

Kein ausländischer Tourist wird belästigt – wenn er sich’s nicht gerade in den Kopf setzt, neben einem Kraftwerk zu zelten! – auch an der Grenze nicht und nicht im Camping. Alle Überlandbusse fahren pünktlich und unbehelligt, alle Bergbahnen sind voll in Betrieb und die Kurorte im Lande haben nicht eine einzige der üblichen Saison-Veranstaltungen abgesagt.

Es gibt auch keine unerfreulichen Zusammenstöße zwischen den Bevölkerungsgruppen: Südtiroler und ansässige Italiener hocken wie eh und je im gewohnten Nebeneinander an ihren Stammtischen – wenn sie auch alle ein wenig unruhig sind. Und allerseits ist man mit dem gleichen Eifer bemüht, die kritische Wirtschaftslage abzufangen, die die Herren Attentäter ihnen beschert haben. 30 vH der ausländischen Fremden und 70 vH der italienischen Sommergäste sind ausgeblieben. Der Umsatzausfall beträgt bisher über zehn Millionen Mark.

Das trifft natürlich nicht die Gastwirte und Hoteliers allein; die Kalamität zieht ihre Kreise und trifft auch die Bauern empfindlich mit. So geht denn ungeachtet der politischen Gegensätze eine "good will"-Welle durchs Land, und die Fremden – wenn sie sich nur wieder entschließen wollten, herein zu kommen! – fänden die Atmosphäre wohl angenehmer als in den Monaten vor den Attentaten: Gewitter reinigen eben die Luft. Die Südtiroler hoffen mehr denn je auf deutsche Touristen, die mit offenen Armen aufgenommen werden. H. W.