Verpflanzte Embryos und Tiere aus der Retorte

Von Theo Löbsack

Aus dem Tierforschungsinstitut der Universität Cambridge kommt eine bemerkenswerte Nachricht: Englischen Biologen ist es gelungen, befruchtete Eier aus dem Leib eines Mutterschafes in die Gebärmutter eines Kaninchens zu verpflanzen. Das Kaninchen wurde dann sozusagen als "biologischer Briefträger" verwendet: Man schickte das Tier per Luftpost nach Südafrika, wo ihm die Eier entnommen und einem südafrikanischen Schaf anderer Rassenzugehörigkeit überpflanzt wurden. Das Experiment gelang. Nach normaler Tragezeit brachte das südafrikanische Schaf reinrassige englische Lämmer zu Welt.

Versuche zur Überpflanzung lebender Keime in Ammentiere sind allerdings nicht neu. Schon im Jahre 1890 entnahm der englische Biologe Heape einem Angorakaninchen zwei befruchtete Eier und verpflanzte sie in ein trächtiges belgisches Kaninchen. Das belgische Weibchen warf sechs Junge; vier davon waren echte eigene Nachkommen, zwei waren unverkennbar Angoras.

Künstliche Mäuse

Für die Landwirtschaft haben Verpflanzungsexperimente große Bedeutung. Wenn man von wertvollen Zuchtkühen oder Hochleistungs-Ziegen befruchtete Eier nimmt und sie in andere "Nährmütter" verpflanzt, lassen sich zahlreichere Nachkommen der wertvollen Tiere erzielen. Natürlich lag der Gedanke nahe, auch die Nährmutter noch einzusparen und zur reinen Retortenzucht überzugehen. Das hätte manchen Vorteil. Die Entwicklung verliefe gefahrloser; Zufälligkeiten wie Krankheiten oder Unfälle des Nährmuttertieres wären ausgeschaltet. Das heranwachsende Tier könnte in jeder Phase beobachtet, ja vielleicht sogar beeinflußt werden. Aber dazu müßte sich der junge Keim auf einem Nährboden auch wirklich weiterentwickeln können. Ob das möglich sei, war die Frage.

Im Sommer 1958 sind zwei Londoner Biologen diesem Problem nachgegangen. Sie züchteten Mäuse, die ihre Keimesentwicklung nicht gänzlich im Mutterleib, sondern teilweise in einer Retorte durchmachten. Die erfolgreichen Wissenschaftler waren Dr. J. D. Biggers vom Veterinärmedizinischen Institut in London und seine Kollegin Dr. Anne McLaren, eine Spezialistin auf dem Gebiet der Vererbungswissenschaft. Bei ihrem Versuch machten sie sich die Erfahrungen amerikanischer Kollegen zunutze, denen es gelungen war, junge Keime von weißen kalifornischen Kaninchen – in ein Serum gebettet und in einer Thermosflasche kühl verpackt – per Flugzeug nach London zu schicken. In London waren die Keime sofort in ein schwarzes englisches Kaninchen verpflanzt worden. Das schwarze Kaninchen hat dann auch brav die weißen Jungen der kalifornischen Rasse geworfen.