Von Paul Sethe

Im Etschtal krachen keine Bomben mehr; der Verkehr wird wieder ungehindert vor sich gehen; die Spuren der Zerstörung werden beseitigt. Einige Dutzend Südtiroler sind verhaftet worden, unter ihnen auch der Generalsekretär der Südtiroler Volkspartei. Das ist eine ernste Sache, und ungünstige Folgen sind zu befürchten. Wir wissen noch nicht, ob die Verhafteten schuldig sind, auf jeden Fall haben die Attentäter nicht nur die Gesetze verletzt, großen Sachschaden angerichtet und Menschenleben in Gefahr gebracht, sondern auch der Sache Südtirols geschadet.

Aber das italienische Volk wäre schlecht beraten, wenn es seine Haltung nur von dem Zorn dieses Augenblicks bestimmen ließe. Es steht mehr auf dem Spiel als die Aufklärung der Anschläge und das Schicksal einer Provinz. Es geht darum, ob man darauf vertrauen darf, daß Italien die Zeichen unserer Zeit, in der für nationalistische Leidenschaften kein Platz mehr sein sollte, verstanden hat. Auch Italien will das neue Europa. Der große Staatsmann, den das italienische Volk nach dem Kriege an die Spitze der Regierung gestellt hat und dessen Name auch unter dem Vertrag mit Österreich über Südtirol steht, Alcide de Gasperi, wußte genau, daß Italien seine schweren Probleme nur innerhalb eines sich einigenden Europas zu lösen vermag. Aber was seit vierzig Jahren, auch was seit 1945 in Südtirol geschieht, steht im Gegensatz zu den großen Ideen, auf denen das freie Europa aufgebaut werden soll.

Wenn Österreicher oder gar Bürger der Bundesrepublik sich über Südtirol äußern, so können sie sicher sein, daß am folgenden Tage heftige Angriffe gegen sie in Italien erhoben werden. Sie werden beschuldigt, sich in innere Angelegenheiten Italiens zu mischen, sie werden angeklagt, "Alldeutsche" und "Revanchisten" zu sein. Demgegenüber muß betont werden, daß weder in Österreich noch in unserem Staate irgendein besonnener Mensch daran denkt, die österreichisch-italienische Grenze ändern zu wollen. Gewiß, der italienische Anspruch von 1915 auf die Brennergrenze als auf die "strategisch günstigste Linie" erscheint heute veraltet, einer längst verflossenen Zeit zuzugehören. Aber wir Europäer haben heute größere Sorgen, als darüber nachzudenken, ob innerhalb der freien Staatenwelt Grenzen verändert werden sollen. Was 1919 und wieder 1945 am Brenner geschehen ist, ist nicht mehr rückgängig zu machen. Jeder hat sich damit abgefunden.

Nur kann damit unmöglich gesagt sein, daß wir schweigend zuschauen sollen zu dem, was in Südtirol geschieht und wovon die Bombenanschläge nur das letzte Glied einer langen und tragischen Kette sind. Man erwartet mit Recht von uns, daß es uns nicht gleichgültig lasse, was die Menschen in Kuba, in Laos, am Kongo erleiden; wie kann man denn glauben, wir würden die Augen zumachen, wenn mitten in Europa die natürlichen Rechte der Menschen gefährdet sind? Die Völkerrechtler Österreichs und Italiens streiten sich um die Auslegung des Vertrages von 1946. Aber es ist kein Streit darüber möglich, daß in Südtirol einige hunderttausend Menschen’ in der begründeten Furcht leben, ihr Gebiet, das eine Insel geworden ist, werde eines Tages ganz überspült von der großen Flut, die seit vierzig Jahren von Süden heranschäumt.

Seitdem Südtirol Italien einverleibt worden ist, sind Jahr um Jahr, von den Behörden gefördert und ermuntert, Italiener in diese Provinz gezogen. 1919 bestand ein Dreißigstel der Bevölkerung aus Italienern, heute sind es über ein Drittel. Die Flut strömt vornehmlich in die Städte, in die Verwaltungen und Büros und die neuerrichteten Fabriken. Um so gefährlicher und ärgerlicher muß sie den eingesessenen Südtirolern erscheinen. Der Wille des Tirolers, die Sprache und die in Jahrhunderten ererbte Lebensweise zu bewahren, verbindet sich mit der Sorge des Bauern, vom Städtischen her überfremdet, entwurzelt, weggeschwemmt zu werden. Wer auf den großen Strom der Zuwanderer schaut, der sich ununterbrochen von Süden her in das Tal der Etsch ergießt, muß diese Sorge begreifen.

Wir sind nicht blind dafür, daß sich gegenüber der faschistischen Zeit vieles gebessert hat. Die schlimmsten Härten sind aufgegeben worden; Tausenden, die neue, italienische Namen hatten annehmen müssen, sind ihre alten Tiroler Namen zurückgegeben worden. Schließlich wird man bedenken, daß der überquellende Geburtenreichtum des italienischen Volkes neue Beschäftigungen und neue Industrien sucht, die man an der Etsch gefunden zu haben glaubt. Vernünftigen Gesprächen darüber werden sich weder Österreicher noch Südtiroler verschließen. Aber auch begreifliche Wünsche müssen ihre Grenze finden, wo das natürliche Recht des Südtiroler Stammes beginnt.

Als das italienische Volk sich nach dem Kriege einen neuen Staat schuf, geschah es im Namen unvergänglicher und großer Ideen: Gerechtigkeit, Freiheit, Menschlichkeit. Die ehrwürdigen Namen Einaudi und de Gasperi sind nichts anderes als Verkörperungen dieser Ideen. Wenn die italienische Nation diesen Weg in Südtirol entschlossen geht, wird sie nicht nur den Respekt und die Sympathie des übrigen Europas erwerben, sondern auch in den Hunderttausenden von Südtirolern treue Staatsbürger gewinnen.