Die Geschichte weiß, daß der grausamste unter den Gouverneuren des Sudan Yakub der Leidende war, der sein Land an die Ruchlosigkeit der ägyptischen Steuereintreiber auslieferte und in einer Kammer seines Palastes starb, am vierzehnten Tag des Barmajat-Mondes im Jahr 1842. Einige gaben der Vermutung Raum, daß der Zauberer Abderrhaman El Masmudi (dessen Name übersetzt etwa lautet: der Diener des Barmherzigen) ihn mit einem Dolch oder mit Gift beseitigt habe, jedoch ist ein natürlicher Tod wahrscheinlicher – schon darum, weil sie ihn den "Leidenden" nannten. Gleichwohl hat der Hauptmann Richard Francis Burton mit diesem Zauberer im Jahr 1853 ein Gespräch gehabt und erzählt, was dieser ihm berichtete, und zwar in folgendem Wortlaut:

"Es ist die Wahrheit, daß ich in der festen Burg Yakubs des Leidenden als Gefangener schmachtete, auf Grund der Verschwörung, die mein Bruder Ibrahim anzettelte, mit dem faulen und eitlen Beistand der Negerhäuptlinge von Kordofan, die ihn dann, denunzierten. Mein Bruder kam durch das Schwert um, auf dem Blutfell der Gerechtigkeit, ich jedoch warf mich vor die verhaßten Füße des Leidenden und sagte zu ihm, ich sei ein Zauberer, und wenn er mir das Leben schenke, wollte ich ihm Formen und Erscheinungen zeigen, die an Wunderherrlichkeit die des Fanusi Jiyal (Laterna magica) noch überträfen. Der Unterdrücker verlangte sogleich eine Probe zu sehen. Ich bat um eine Rohrfeder, eine Schere, einen großen Bogen venezianischen Papiers, ein Horn Tinte, ein Holzkohlenbecken, etwas Koriandersamen und eine Unze Weihrauch. Ich zerschnitt das Blatt in sechs Streifen, schrieb Talismane und Beschwörungen auf die fünf ersten und auf den verbleibenden die folgenden Worte, die in dem glorreichen Koran stehen: ‚Wir haben deinen Schleier gelüftet, und der Anblick deiner Augen ist. durchdringend.‘ Dann zeichnete ich ein magisches Quadrat in Yakubs rechte Hand und bat ihn, er solle sie hohl machen, worauf ich in die Mitte einen Kreis von Tinte schüttete. Ich fragte ihn, ob er sein Spiegelbild in dem Kreis deutlich wahrnehmen könne, und er antwortete mit Ja. Ich sagte zu ihm, er solle die Augen nicht aufheben. Ich zündete den Weihrauch und den Koriandersamen an und verbrannte die Beschwörungen in dem Holzkohlenbecken. Ich bat ihn, er solle die Gestalt nennen, die er zu erblicken wünsche. Er bedachte sich und sagte zu mir: ein wildes Pferd, das schönste, welches auf den Wiesen, die den Rand der Wüste säumen, zur Weide geht. Er sah hin und erblickte die grüne und stille Flur und darauf ein Pferd, das näherkam, flink wie ein Leopard, mit einem weißen Stern auf der Stirne. Er bat mich um eine Koppel Pferde, die so vollkommen sein sollten wie das erste, und sah am Horizont eine mächtige Staubwolke und dann die Koppel. Da wußte ich, daß mein Leben in Sicherheit war.

Das Frühlicht graute kaum, als zwei Soldaten in meinen Kerker traten und mich in die Kammer des Leidenden führten, wo schon der Weihrauch, das Holzkohlenbecken und die Tinte meiner warteten. So forderte er von mir und zeigte ich ihm alle Erscheinungen der Welt. Dieser tote Mann, den ich verabscheue, hielt in seiner Hand, was die Gestorbenen irgend erblickt haben und was die Lebenden mit ihren Augen sehen: die Städte, Himmelsstriche und Reiche, in die sich die Erde teilt, die Schätze, die in ihrer Mitte verborgen sind, die Schiffe, die übers Meer fahren, die Geräte des Kriegs, der Musik und der Chirurgie, die liebreizenden Frauen, die Fixsterne und die Planeten, die Farben, deren sich die Ungläubigen beim Malen ihrer abscheulichen Bilder bedienen, die Minerale und die Pflanzen, samt den Geheimnissen und Kräften, die in ihnen beschlossen sind, die Engel aus Silber, deren Speise Lobpreis und Verherrlichung des Herrn ist, die Austeilung der Preise in den Schulen, die Standbilder von Vögeln und Königen, die sich im Herzen der Pyramiden befinden, den Schatten, den der Stier, auf welchem die Erde ruht, wirft, und der Fisch, der unter dem Stier ist, die Wüsten Gottes des Erbarmungsvollen. Er sah Dinge, die nicht zu beschreiben sind, wie die mit Gas erleuchteten Straßen und den Walfisch, der stirbt, wenn er die Stimme des Menschen vernimmt. Einmal befahl er mir, ich solle ihm die Stadt zeigen, welche Europa heißt. Ich zeigte ihm ihre Hauptstraße, und ich glaube, es war in diesem angeschwollenen Strom von Menschen, die alle in Schwarz gingen und viele mit Brillen, daß er zum erstenmal den Maskierten erblickte.

Diese Gestalt, zuweilen in sudanesischer Tracht, zuweilen in Uniform, jedoch stets mit einem Tuch vorm Gesicht, drang von da ab in die Schaubilder ein. Sie fehlte nie, und wir hatten keine Vermutung, wer sie sein könnte. Auch waren die Erscheinungen des Tintenspiegels, die zuerst augenblicklich und bewegungslos gewesen waren, jetzt verschlungener: sie gehorchten ohne Verzug meinen Weisungen, und der Tyrann folgte ihnen mit aller Deutlichkeit. Sicher ist, daß wir beide am Ende jedesmal erschöpft waren. Der grausige Charakter der Szenen war ein weiterer Grund unserer Ermüdung. Es waren immer Bestrafungen, Würgestricke, Verstümmelungen, Ergötzungen des Henkers und des Grausamen.

So erreichten wir schließlich den Morgen, des vierzehnten Tages des Barmajat-Mondes. Der Tintenkreis war in die Hand gezeichnet, der Weihrauch in das Holzkohlenbecken gestreut, die Beschwörungen verbrannt. Wir waren zu zweit allein. Der Leidende sagte zu mir, ich sollte ihm eine unwiderrufliche und gerechte Bestrafung zeigen, weil sein Herz an diesem Tage einen Todesfall zu sehen begehrte. Ich zeigte ihm die Soldaten mit den Trommeln, die ausgebreitete Stierhaut, die Leute, die sich an dem Schauspiel weideten, den Henker mit dem Richtschwert. Er verwunderte sich, als er ihn erblickte, und sagte: ‚Es ist Abu Kir, der deinen Bruder Ibrahim hingerichtet hat, derselbe, der deinem Schicksal ein Ende setzen wird, sobald mir die Wissenschaft zuteil wird, diese Figuren ohne deinen Beistand zu beschwören.‘

Er verlangte, man solle den Verurteilten herbeischaffen. Als sie ihn brachten, wechselte er die Farbe, denn es war der unerklärliche Mann mit dem weißen Tuch. Er befahl mir, sie sollten ihm, ehe sie ihn töteten, die Maske abnehmen. Ich warf mich ihm zu Füßen und sagte: ‚O König der Zeit und Grundstoff und Inbegriff des Jahrhunderts, diese Gestalt ist nicht wie die übrigen, weil wir ihren Namen nicht kennen noch den seiner Väter und auch nicht den der Stadt, die seine Heimat ist, so daß ich mich nicht getraue, an sie zu rühren, um nicht eine Schuld auf mich zu laden, für die ich Rechenschaft ablegen muß.‘

Der Leidende brach in Lachen aus und schwor am Ende, er wolle gern die Schuld auf sich nehmen, wenn es da eine Schuld gäbe. Er beschwor es bei seinem Schwert und bei dem Koran. Daraufhin befahl ich, sie sollten den Verurteilten entkleiden und sollten ihn auf die Stierhaut werfen und ihm die Maske abreißen. Diese Dinge geschahen. Die entsetzten Augen des Yakub vermochten endlich dieses Gesicht zu schauen – das sein eigenes war. Er verhüllte sich aus Furcht und Wahnsinn. Ich drückte ihm die zitternde Rechte mit meiner Rechten, die fest war, nieder und befahl ihm, er.solle dem Begängnis seines Todes weiter zusehen. Er war behext von dem Spiegel. Er versuchte nicht einmal, die Augen aufzuheben oder die Tinte auszugießen. Als das Schwert in dem Schaubild auf das schuldige Haupt niederfuhr, stöhnte er mit einer Stimme auf, die mir kein Mitleid erweckte, und rollte zu Boden, tot.